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darbietet, sich dargibt, damit man sieht, wie die Kategorien groß und klein von der Sünde beherrscht werden, wobei wir geneigt sind, das Große nur nach Quantität und das Kleine nur nach äußerlichen Maßstäben zu bemessen. Ihm war es vorbehalten, das Kleine und Unscheinbare in der Tiefe auszugestalten und so das Große und Bedeutsame in der Niedrigkeit zu geben. Er hat in seinem eigenen Leben das Kleine und Unscheinbare zur Herrlichkeit der Gottesnatur je und dann erhoben, er hat in den kleinsten Zeichen seine wunderbarsten Taten getan und will dir sagen, es sei Sünde, wenn man quantitativ messe, und größte Gnade, wenn man qualitativ messen darf, es sei unrecht, wenn man auf Größe ausgeht. „Dir genügt meine Gnade,“ wie wenn, sagt ein alter Lehrer, einem Fischlein gesagt würde: Meer, kannst du ihm genügen? Meeresfluten, könnt ihr ihm genug Labung und Herberge spenden? In einer Zeit, die nach Quantitäten ausschaut, von Massenerfolgen träumt und sich vermißt, das Reich Gottes mit Zahlen und Ziffern zu bauen, bedarf es der evangelischen Nüchternheit: Mir genügt deine Gnade, die das Unscheinbare durchgütet, das Kleine und Unbedeutende zu Trägern höchster Lebens- und Machtoffenbarungen erwählt. Das ist evangelischer Glaubenstrotz, daß er im Niedrigen wohnt, das Kleine klein läßt und das Unscheinbare als Angeld ewiger Erfüllung und Vollendung annimmt. Wenn die Morgenröte wie eines Mannes Hand breit am Himmel unserer Gedanken aufsteigt, dann laßt uns an dieser Morgenröte glauben, daß der Tag naht, und wenn eine Seele aus ihren Irrtümern wieder zum Kreuz gelangt, dann laßt an der einen Seele uns die Gewißheit haben: Es ist nicht umsonst! Und wenn da und dort wieder eine Persönlichkeit – denn Persönlichkeiten schafft er und nicht Personen – zu Jesus Christus sich wendet, dann soll diese eine Persönlichkeit uns Angeld und Bürgschaft dafür sein, daß er wirkt.

 So verklärt er durch Wort und Sakrament seine Gemeinde auf Erden und gibt ihr dazu dieses elementare Ringen um persönliches Christentum. Wir leiden unter dem Ballast der Geschichte, tragen schwer an den falschen Maßstäben, an die der Herr der Kirche uns manchmal zur Strafe verkauft. Es ist uns bange darum, ob wir nicht selbst dem Erfolge frönen und die feilste Tagesgröße als den eigentlich regierenden Gott anerkennen. So flüchten wir zu ihm in dieser Zeit der Gnade und beten:

Mache mich einfältig, innig, abgeschieden,
Stille und in großem Frieden,
Mach’ mich reines Herzens, daß ich deine Klarheit,
Schauen mög’ in Geist und Wahrheit,
Laß mein Herz überwärts wie ein Adler schweben
Und in dir nur leben.

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Der erhöhte Herr. Furche, Berlin 1914, Seite 17. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Der_erh%C3%B6hte_Herr.pdf/17&oldid=- (Version vom 5.7.2016)