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seiner Auferstehung kosmisch vollendet werden. In seinem Erdenleben hat die immanente Herrlichkeit nur selten das Kosmische, in das es eingehüllt und eingesenkt war, durchleuchtet. Das, was die Gemeinde das Wunder ihres Herrn nennt, ist ja nichts anderes als eine scheinbar unvermittelte, spontane Durchbrechung der ethischen Gottübermacht durch die kosmische Beschränktheit; denn er hat nicht bloß den Leib getragen, sondern den Leib der Schwachheit und kraft des göttlichen Realismus nicht bloß das Sein der Menschheit sich erwählt, sondern das Sosein der ganzen, dichten Armut kosmischer Depotenziertheit, die ganze Beschränktheit fleischlichen Seins. Sollte nun dieser in der für Gott gelebten Beschränktheit bleiben? Der Leib, in den er die ganze Fülle der Lebensmacht herein bezogen, dieser Erdenleib, der ihn so oft an Leid und Tod gemahnt hat, verdient und erfordert es, daß er um des Gehorsams willen, da er kein Gefängnis des Gottesgeistes, sondern sein williger Diener war, mit an der ethischen Vollendung teilnehme. Weil der Leib in den Gehorsam der gott-menschlichen Psyche einging und weil er von dieser Gehorsamung sich treffen und bestimmen ließ, auch seinerseits die Schmerzen des Todes zu erdulden, mußte er, wenn er nicht ein wertloses Gefäß sein sollte, das der Herr Christus zerbrach, um der Menschheit den Halt des Glaubens zu entziehen, in die Herrlichkeit erhoben werden. Der Leib war das von dem Herrn ganz in sich eingezogene Lebensprinzip. Die eigentliche Einheit Jesu, was wir Harmonie des Lebens Jesu nennen, erforderte es und war bedingt dadurch, daß das ethische und kosmische Prinzip sich ganz durchdrängen. Die ganze Welt hatte er in sich hereingenommen, er hatte die Welt mit ihren Fragen und Sorgen, mit der inneren Offenbarung, die dem Weltantlitz aufgeprägt ist, in sich eingenommen, und er war es darum ihr schuldig, nachdem er das Martyrium des Todesleibes durchkostet hatte, ihn aus der Nacht zum Licht zu bringen.

 Er war es aber auch uns schuldig.

 Er ist um des Vaters, um seinet- und um unsretwillen dem Tod und Grab entgangen. Denn wenn das Grab das Letzte wäre und der Grabesstein das Siegel auf das Leben unseres Bruders geworden wäre, so stünden wir als arme Toren angesichts aller Gottwidrigkeit.  – Wir müßten uns sagen: Sünde, was kannst du uns schaden, da auch der Gehorsam niemandem etwas nützt; Gottferne, was kannst du mich gefährden, da auch die Gotteinigkeit nicht zum vollen Leben führt! Wir würden die lächelnde Resignation unsere Lebensgefährtin nennen müssen; denn der, der sich zu Tode gehofft hatte, ward getäuscht. Um unsretwillen, die wir nicht eine lebhafte, sondern eine lebendige Hoffnung haben, mußte er sich dem Grabe entnehmen.

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Hermann von Bezzel: Der erhöhte Herr. Furche, Berlin 1914, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Der_erh%C3%B6hte_Herr.pdf/4&oldid=- (Version vom 5.7.2016)