Seite:Hermann von Bezzel - Die sieben Sendschreiben.pdf/99

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dann gehörte ich dir und mir; damit ich nicht ewig mir gehören müßte, gehöre ich fortan dir ganz allein. Nicht ewiglich mir! In welch furchtbarer Gesellschaft müßte ich dann leben! So gehöre ich dir allein, dir ganz allein. „Ich will dich lieben ohne Ende“, am Tage der Freude mit dir zur Freude gehen, am Tage des Leides mit dir beim Kreuze stehen, „ich will dich lieben, schönstes Licht, bis mir das Herze bricht“[1], um dich dann mit ungebrochenem Herzen weiter zu lieben. „Mein Alles werd daran gewagt“[2]: Mein Beginnen, mein Begehren, mein Reden, mein Schweigen, mein Alles. Ich beginne mit dem Rückblick auf meine früheste Jugend. Ich sehe hinein in meine späteren Jahre: Schatten, die Furchtbares bedecken, Größen, die mich in der Ewigkeit verklagen, Scheinwesen, das mir so zuwider geworden ist; die Rollen, die ich alle spielte, lächelnd spielte, während es in mir schrie nach dem lebendigen Gott – mein Alles sei daran gewagt! „Ach, laß, o Jesu, deinen Namen und deines Kreuzes Ehrenmal auf meiner Stirne leuchten! Amen, ja Amen, Amen tausendmal.“[3] Leuchten aller Welt: denen, die im Hause sind, denen, die draußen sind, deines Kreuzes Ehrenmal auf meiner Stirne leuchten! Amen, ja Amen, Amen tausendmal!“

 Zu einem solchen Gebete, das da im Aufschrei der Sünde vor ihn kommt, zu einem solchen Gebete, das da aus der Angst rührt, daß der Schein uns übermanne, zu dem Flehen einer Seele, die da nicht vor dem Grabe, wohl aber vor der Hölle sich fürchtet, zu einem solchen Flehen sprach Christus selbst: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh. 8, 32). Amen.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. EG 400,1.
  2. Aus dem Lied "Mein Freund, wie dank ich´s deiner Liebe" von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf.
  3. Aus dem Lied "Mein Freund, wie dank ich´s deiner Liebe" von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf.