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Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 2 vom 8. Juli 1843


Unterrichts blieben. Daneben ist der Muttersprache, der Geschichte u. Mathematik die nöthige Zeit gewidmet worden, die ihnen früher in einem fast zu kärglichen Maße gegönnt war. Die Zucht und Ordnung hält sich fortwährend an die alte bewährte Disciplin, die eine vernünftige Beschränkung der Freiheit als Wohlthat für einen jungen Menschen betrachtet. Die Humanität und der Liberalismus in der modernen Erziehung mag nun gegen solche Beschränkungen eifern, so viel er will – Anstalten, wie Pforta, müssen eine strenge Disciplin haben; will man diese aus übergroßer Zärtlichkeit für die heutige Jugend aufheben, so ist es auch mit der Blüthe und mit dem Nutzen solcher Anstalten vorbei.

Welche treffliche Erfolge die Pfortaische Disciplin unter trefflichen Rectoren und Lehrern – es genüge hier aus der Zahl der Verstorbenen die Namen eines Freytag, Geißler, Barth, Heimbach, Ilgen, Lange und Schmidt zu nennen – erzeugt hat, beweist die große Anzahl gelehrter und tüchtiger Männer, welche in derselben aufgewachsen sind. Wir nennen aus den frühern Jahrhunderten die Namen des Leipziger Kanzlers v. Pfeifer, der Philologen Erasm. Schmid, Aug. Buchner, J. G. Grävius, des geistlichen Dichters Erdm. Neumeister; aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die Gebrüder Joh. Ad. und Joh. Elias Schlegel, Klopstock, Fichte, I. A. Ernesti; aus der letztern Hälfte und aus dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts den Philosophen Krug, die Theologen Heubner, Großmann, Nitzsch, Thilo; die Veteranen unter den Philologen Mitscherlich und Eichstädt, und die jüngern Böttiger, Huschke, Thiersch, Spohn, Dissen, Ph. Wagner, Döderlein, Rich. Lepsius; den Historiker Leop. Ranke; die Staatsmänner v. Könneritz, Nostiz und Jänckendorf (sächsische Minister) und den Oberpräsidenten von Posen, v. Beurmann; die Rechtsgelehrten Zachariä und Schilling; die Mediciner v. Ammon und Hedenus; die Naturforscher Ehrenberg und Thienemann. Und wie viele Tausende sind sonst noch aus Pforta hervorgegangen, die in den verschiedensten Aemtern und Lagen das Erbtheil Pfortaischer Erziehung, die Liebe zu gründlicher Kunst und Wissenschaft, mit Eifer und Fleiß weiter zu verbreiten bemüht gewesen sind. Ueber sie alle hat König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ein ehrendes Wort gesprochen: „Habe viel Gutes von Schulpforta gehört, und sollen die Beamten, die auf derselben gebildet sind, vergleichungsweise die gründlichsten und besten sein.“ Und dazu setzte der würdige Herrscher die Worte: „mag wol mit der geistigen Speise gehen, wie mit der körperlichen, – es kommt nicht darauf an, daß man viel genießt, sondern daß man das, was man genießt, gut verdaut und in Kraft und Gesundheit verwandelt.“ Diese Worte dürfen weder von denen vergessen werden, die mit der Einrichtung oder Beaufsichtigung Pfortaischer Angelegenheiten beauftragt sind, noch von denen, die über sie reden und urtheilen.

Es wird hiernach nicht überflüssig sein, auch von den äußern Verhältnissen der Landesschule Pforta das Wichtigste aus den sichersten Quellen beizubringen. Dieselbe ist mit einer zwölf Fuß hohen steinernen Mauer umgeben und gegen Abend mit einem gewölbten doppelten Thore, gegen Morgen und Mitternacht mit Eingangsthüren versehen. Innerhalb der Ringmauer befindet sich eine eigne Kirche, an welcher zwei Prediger angestellt sind, und zu welcher die Bewohner des Dorfs und der Saline Kösen nebst den Vorwerken Fränkenau und Cuculau gehören. Ferner das in den Jahren 1803 und 1804 neuerbaute massive Schulhaus, in welchem die Wohnungen mehrer Lehrer und der Schüler sich befinden; das sogenannte Fürstenhaus, von Kurfürst August von Sachsen erbaut, in welchem die Wohnungen des Rectors, jetzt des Dr. theol. Kirchner, und zweier andrer Familien sich befinden, dann die Häuser des Schularztes und Schulchirurgus nebst den Krankenstuben für die Schüler, ansehnliche Oekonomie- und Wirthschaftsgebäude, Wohnungen für die übrigen Lehrer und Beamten, ein Brauhaus, eine eigne Mahlmühle, ein Backhaus und eine in Erbpacht gegebene Papiermühle; vor dem Thore liegt das Forsthaus mit Wirthschaftsgebäuden.

Die Zahl der in Pforta befindlichen Schüler darf nicht über 180 steigen. Von diesen Stellen, die fast alle ganze Freistellen sind, werden 100 vom königlichen Ministerium der Geistlichen-, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten und vom Provinzial-Schul-Collegium in Magdeburg vergeben, 80 von den Städten des Herzogthums Sachsen, vom Dom-Capitul zu Naumburg vom Rector und von einigen adligen Familien, jedoch nur an Inländer. Ausländer aber wie Inländer können bis 20, als Extraner, von den einzelnen, ordentlichen Lehrern in ihr Haus und in ihre Pflege genommen werden. Sie genießen ebenfalls wie die Alumnen freien Unterricht, stehen aber unter denselben Gesetzen, wie die Alumnen; die Bevorzugungen einer frühern Zeit sind seit 1820 ganz aufgehoben. Demnach können überhaupt bis 200 Schüler in Pforta sein; es ist indeß diese Anzahl nicht immer vollständig da, was für die wissenschaftlichen und pädagogischen Zwecke der Anstalt gar nicht als ein Nachtheil angesehen werden darf. Die Speisung und Verpflegung der Alumnen, welche jährlich zwischen 11 bis 12,000 Thaler kostet, führt der Pachter der Pfortaischen Oekonomie; die Kost ist seit beinahe zwölf Jahren unverändert gut, schmackhaft und reichlich gewesen, und kann jede Vergleichung mit der Kost in ähnlichen Instituten aushalten.

Zum Unterhalt der Schüler, zur Besoldung der Lehrer und Beamten und zur Bestreitung sonstiger Bedürfnisse besitzt die Landesschule Pforta einen sehr bedeutenden Umfang von Ländereien, Triften, Waldungen, Gütern, Mühlen und Vorwerken, von denen nur die Waldungen unmittelbar unter einem königl. Oberförster und vier Förstern stehen, alles Uebrige aber theils in Erbpacht, theils in Zeitpacht gegeben ist. Von den frühern Weinbergen besitzt die Pforte jetzt noch einen, die übrigen wurden im Jahre 1820 aus administrativen Gründen verkauft. Die jährlichen Einkünfte der Anstalt belaufen sich auf etwa 42,000 Thaler, und diese Summe kommt dem Ausgabe-Etat in der Regel gleich. Was von den außerordentlichen Reichthümern der Pforte und von der ausgezeichnet guten Stellung ihrer Beamten seit Jahren geredet und gefabelt wird, ist zum großen Theile übertrieben. Allerdings genießen einige Lehrer gute Besoldungen, aber die übrigen sind keineswegs so reich besoldet, als man gemeiniglich urtheilt. Dabei ist zu berücksichtigen, daß das Leben in Pforta durchaus nicht wohlfeil, und die Anschaffung der gewöhnlichen Lebensbedürfnisse theurer als an andern Orten ist.

Es gehören endlich zum Schulamte Pforta 21 Ortschaften mit 17 Kirchen, 9 Pfarr- und 13 Schullehrerstellen, worüber der Rector der Pforte nebst dem Hausinspector das Patronat, und, in Verbindung mit dem betreffenden königl. Superintendenten, auch die Kircheninspection führen. Eine bedeutende Menge der frühern Lehne, Zinsen, Dienste und Frohne aus den genannten 21 Ortschaften sind in den letztern Jahren auf dem Wege der Ablösung aufgehoben und von der preuß. Regierung fortdauernd Alles gethan worden, um diese herrliche Stiftung im Geiste ihrer Stifter und Bewohner zu erhalten und ihre Segnungen einer künftigen Zeit ungemindert zu überliefern.

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Illustrirte Zeitung (1843) 02 002 1 Unser Wochenbericht.PNG

Unser Wochenbericht.
Vorwort.

Die Illustrirte Zeitung soll nicht blos ihrem Namen, sondern auch der Sache nach eine Zeitung sein. Sie wird daher in ihrem „Wochen-Bericht“ eine Uebersicht der Tagesereignisse, so wie es der Charakter einer Wochenschrift bedingt, in möglichst gedrängter Form liefern. Sie kann in der raschen Mittheilung von Neuigkeiten mit ihren täglich erscheinenden Schwestern natürlich nicht rivalisiren wollen, aber sie will noch viel weniger sich darauf beschränken, bloße Betrachtungen über die Ereignisse anzustellen, oder eine karge Nachlese zu halten, wo Andere schon reichlich und vollständig geerntet.

Unser Zeitungsbericht wird sich vielmehr bestreben, die Begebenheiten der Woche in einer selbständigen Darstellung zusammenzufassen, und so hofft er in Gemeinschaft mit dem illustrirten Theile des Blattes eine historische Bildergallerie der Gegenwart und zugleich eine raisonnirende Uebersicht derselben zu liefern.

Vor Allem soll jedoch unsere illustrirte Zeitung in diesem ihrem referirenden Theile eine Deutsche Zeitung sein, und wie sehr sie sich auch befleißigen wird, Alles zu daguerreotypiren, was in der civilisirten wie in der uncivilisirten Welt Erfreuliches und Erschütterndes, Großes und Burleskes sich zuträgt, wird doch ihr Wochenbericht hauptsächlich auf die Vorgänge des Vaterlandes den Blick gerichtet halten. Das wäre auch eine schlechte Deutsche Zeitung, die heutzutage noch, wie es leider seit dem letzten Frieden viele Jahre lang geschah, Deputirtenkammer und Parlament in den Vordergrund stellen, Deutschland dagegen und seine Sprechsäle in eine Ecke des Blattes verweisen wollte! Nein, immer allgemeiner wird jetzt die Ueberzeugung, daß kein rechtschaffener Deutscher mehr, ohne ein Verbrechen an sich und an der Zukunft seiner Kinder zu begehen, unbekümmert um das bleiben kann, was den innern, gesunden oder kranken Organismus seines Landes und dessen Berührungen mit dem Auslande betrifft. Nicht mehr ist es jetzt, wie noch im vorigen Jahrhundert, wo der deutsche Bürger sagte:

„Nichts Bess’res weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei
Die Völker auf einander schlagen. …
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag Alles durcheinander geh’n,
Doch nur zu Hause bleib’s beim Alten!“

Er hat es seitdem nur zu gut erfahren, daß wenn sie draußen erst sich schlagen und die Köpfe spalten, bald auch zu Hause der Friede bedroht sei, wie es im Jahre 1840 der Fall war, wo die Kriegsflamme da hinten, weit in der Türkei und in Syrien, beinahe am Rhein und in ganz Europa ein gefährliches Feuer entzündet hätte. Und wer weiß, ob uns, trotz aller Rheinlieder und patriotischer Zeitungsartikel, der Krieg damals nicht eben so innerlich theilbar und schwach gefunden haben würde, wie uns die Kämpfe des 17. und 18. Jahrhunderts trafen, wie uns Napoleon zu Anfang unseres eigenen Jahrhunderts und wie uns endlich die französische Juli-Revolution im Jahre 1830 fand!

Nein, mögen wir uns über unsere innere und äußere Kraft nicht täuschen! Mögen wir nicht gar zu zuversichtlich auf die Macht des deutschen Bundes vertrauen, die ja ihre erste Probe noch zu bestehen hat! Alle Achtung vor dem Bunde der deutschen Fürsten, aber seine wahre Bedeutung wird er erst dann erhalten, wenn auch die deutschen Völker innig verbunden sind, und damit sie es im Geiste und in der Wahrheit, unauflöslich und mit Vertrauen einflößender Sicherheit seien, müssen sie sich gegenseitig von Grund des Herzens achten lernen, müssen sie sich sagen können, daß ihre Institutionen nicht blos eben so hoch, sondern höher stehen, als die jedes fremden Volkes, und müssen sie fühlen, daß des einen deutschen Stammes Leid auch den andern trifft, wie des einen Wohlfahrt auch der andere theilt.

Das aber ist zunächst nur durch die offenste Besprechung der gegenseitigen Zustände zu erlangen; nur was sich redlich kennt, das liebt sich auch redlich. Ein Anfang dazu, uns gegenseitig zu begreifen und zu durchdringen, ist freilich durch Niederreißung der Zollschlagbäume im Innern Deutschlands gemacht, aber noch fehlt viel dazu, um auch nur diese Seite der Ganzheit vollständig zu machen. Hat doch der deutsche Zollverband noch nicht einmal das deutsche Meer erreicht, und wie viele Zollgrenzen sind noch zu beseitigen! Aber was so deutlich und allgemein als Nationalbedürfniß sich ausspricht, das kommt auch unvermeidlich!

Und hiermit wäre der Gesichtspunkt gegeben, von welchem aus unser „Wochenbericht“ geleitet werden soll. Deutschland wird den Ausgangs- und zugleich den Mittelpunkt unserer Betrachtungen bilden. Deutschland nimmt ohnehin so ziemlich die Mitte von Europa ein und Leipzig

Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 2 vom 8. Juli 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_02.pdf/2&oldid=3137539 (Version vom 7.6.2018)