Seite:Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft 1 (1843).pdf/53

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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

böhmische Bücher zur Belohnung fleissiger und wohlgesitteter böhmischer Schulkinder angekauft werden. Die böhmischen Zeitschriften wurden alle gelesen, die technologische und die ökonomische wurden von einem Lesezirkel gehalten. Alle diese Einrichtungen verdankt man zum grössten Theil dem eifrigen und hochgebildeten Syndikus der Stadt, Herrn Jos. Pelikan, welcher alles anwendet, um den Sinn für das Nationale unter der Bürgerschaft zu erwecken; ja sogar die schwere Mühe auf sich genommen hat, den Kindern in der Schule die böhmische Geschichte vorzutragen, womit er zugleich die Ortsgeschichte von Teinitz verknüpft.

 Noch glänzender ist ein anderes Beispiel, das uns derselbe Reisende aus Mähren berichtet. Als er hier in die Stadt Nedwedic kam, wurde er von den dasigen Einwohnern auf das Freundlichste empfangen und sogleich zu dem dortigen Bürger und Schlossermeister Wendolsky geführt, bei welchem eine grosse Menge von Bürgern, Meistern, Gesellen und ihren Gattinnen und Töchtern versammelt war. Nach einem lebendigen Gespräche über die nationalen Angelegenheiten und die Bildung des böhmisch-mährischen Volkes: „besah ich (so erzählt Herr Hurban) ihre Bibliothek, deren erste Grundlage aus eingesammelten einzelnen Kreuzern bestand, die aber nun bereits eine schöne Sammlung von Büchern umfasst und ein Beweis ist, dass aus geringem Anfange bei Fleiss, Beständigkeit und Ausdauer Grosses erwächst. — Dann zeigte mir ein Geselle des Herrn Wendolsky eine Elektrisirmaschine, welche er ganz allein nur nach der Anleitung, wie sie in der „Physik“ von Schadek gegeben, gebaut hatte. Derselbe junge Handwerker hatte auch einen Erdglobus, mehrere geographische Charten und dergl. gemacht, ohne alle fremde Anleitung, nur wie er aus den böhmischen Schriften darüber belehrt worden war. — Freilich gehörten diese Bürger (so fährt Herr Hurban fort) nicht zu jenen, welche an Sonn- und Feiertagen lieber Wirthshäuser besuchen und die kostbare Zeit todtschlagen, als dass sie dieselbe zu etwas Nützlicherem verwendeten. Der junge und schon rühmlich genannte Herr Thomas Jaroslaw Zrzawy, der dortige Caplan, versammelte während dieser Zeit häufig die jungen Handwerker, Meister und Gesellen um sich, um ihnen die neuen in ihr Fach einschlagenden Erfindungen mitzutheilen und sie zum Fortschreiten mit dem neuen Zeitgeiste aufzumuntern. In seiner Bibliothek besass er fast alle Schriften, welche in den letzten Jahren als willkommene Erscheinungen auf dem Horizonte unsrer neuerwachten Nationalität sich zeigten. Herr Zrzawy war ein eifriger Freund und Verehrer eines regelmässigen und schlichten Lebenswandels, welchen er auch unter das Volk recht geschickt auszubreiten wusste. Wie mancher Bürger, der ehedem dem Trunke und der Schlemmerei ergeben war, rühmt und preiset nun seinen Wohlthäter, welcher ihn aus dem vernichtendem Abgrund der moralischen und physischen Verderbniss herausgerissen hat. Ueberdiess war er ein warmer Freund kleiner Klinder, sowie aller Armen und Verlassenen. Vor Allem aber glühte seine Seele von der himmlischen Flamme zur slawischen Nation; sie war der Polarstern seines thatenreichen Lebens. Dadurch erwarb er sich eine zahllose Menge von Freunden und Verehrern, wodurch es geschah, dass er immer tiefer eindrang in die eigenthümlichen Lebenszustände der mährischen Slawen. Und mit Recht nannte ihn einer von unseren grossen Stammgenossen den ersten unter den ersten Patrioten, welche in Mähren thatsächlich den Samen der slawischen Nationalität ausstreuen. Die Bürger von Nedwedic und die Vaterlandsfreunde in der Gegend umher hielten ihn so hoch, und liebten ihn so sehr, dass, als er nach Zabrdowic umzog, sie ihn haufenweise begleiteten und Thränen wahren Schmerzes vergossen. Jetzt haben sie einen Brunnen, der etwa eine Viertelstunde von der Stadt entlegen, von Herrn Zrzawy häufig besucht und gewissermassen in Ordnung gebracht wurde, mit Sitzbänken versehen und mit Linden auf dem schönen Ufer des Schwarzawa-Flüsschens ausgesetzt, der ganzen netten Anlage aber den Namen „Slowanka“ gegeben. Diesen Namen erhielt der Brunnen bei einem eigenthümlichen Feste, welches die Nedwedicer Bürger hier feierten. Als nämlich der Brunnen gereinigt und die ringsum angebrachten Verschönerungen fertig waren, wurde ein Tag festgesetzt, an welchem man hinauszog, und durch

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 42. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/53&oldid=- (Version vom 17.9.2019)