Seite:Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft 1 (1843).pdf/77

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

ihre besondere Verehrung, doch ist sie weniger auf uns gekommen. Indess lassen sich immer noch die eigentlichen Naturgeister von den menschenähnlichen unterscheiden; jene sind symbolisch und an sie knüpft sich die unermessliche Reihe guter und böser Vorbedeutungen und der ganze Volksaberglaube; oder sie sind personificirt, und zwar Geister der organischen und unorganischen Natur; die ganze Natur lebt, Alles ist voll Geister. Die der unorganischen Natur sind: 1) Feuergeister, 2) Wassergeister. Die Wasserverehrung ist sehr verbreitet, und mit besonderen Festen, z. B. dem Johannis-oder Oster-Wasser, wie es noch jetzt in vielen altslawischen Gegenden gebräuchlich. 3) Erdgeister sind fast alle bösartig. 4) Die Luftgeister fallen mit den oberirdischen grösstentheils zusammen. Eine ganz eigenthümliche Gestalt sind die Wilen; wunderlieblich, gutmüthig, ausser wenn gereizt, luftartig, zart. Die personificirten Geister der organischen Natur sind a) Pflanzenkräfte: besonders viel heilige Heine, wo den Göttern geopfert wurde; eben so die beiden heiligen Eichen zu Romowe in Preussen und in Lithauen. Ein böser Feldgeist Polednica, das Mittagsgespenst, so wie böswillige Waldgeister, die dem Menschen nach dem Leben trachten; in jedem Walde muss alljährlich einer sterben, b) Animalische Kräfte: Von den Thieren wurden heilig gehalten: besonders die Pferde; von den Vögeln als Seelen der Verstorbenen besonders der Guckguck, die Schwalbe, der Sperber, der Hahn, die Raben, die Spechte, Schlangen und Eidechsen; eine besondere Gestalt bilden die Wilkolaki, Wehrwölfe und Upiry Vampyre, von denen der Verfasser zu unserer Verwunderung ganz schweigt; obgleich nicht bloss im 2ten Bande der böhmischen Lesebibliothek, sondern selbst in „Ost und West“ J. 1839. Nr. 1—10. (von uns mitgetheilt) sich weitläufige Nachrichten darüber vorfinden. — Neben den reinen Naturgeistern unterscheidet der slawische Mythus auch noch menschenähnliche Geister; als die Pestjungfrau, Riesen, die einheimischen gut, die fremden sind bös, häufig historische Gestalten.

 Zu den irdischen Göttern gehören neben den physischen zweitens die auf das Menschenleben bezüglichen; hier ist eine ungemeine Innigkeit und Tiefe des Gefühls vorherrschend. A. Die Gottheiten des häuslichen Lebens Ziwa (auch Zibog) verleiht das Leben; Porenuc beschützt es im Mutter-Leibe, zlota-Baba bei der Geburt. Alle drei bilden die Schutzgottheit der Ehe. Im 7ten Jahre bekam das Kind seinen Namen und brachte den Göttern sein Haar zum Opfer (postriżna). Zwischen den erwachsenen Schwestern besteht das innigste Band der Liebe und Anhänglichkeit; zwischen Freunden besteht die Verbrüderung, pobratimstwo, der herrlichste, innigste Nationalzug der Slawen. Der Jüngling und die Jungfrau fielen der Obsorge Lada’s, der Göttin der Liebe, und Lel’s und Polel’s, als ihrer einzelnen Momente anheim. Die Ehe war heilig und das Weib nicht ohne Beweise von grosser Achtung.

 B. Die Gottheiten des ausser-häuslichen Lebens. Neben Viehzucht und Ackerbau war der Krieg ein wichtiges Moment im Leben des slawischen Volkes; obgleich nie Angriffs-, sondern stets nur Vertheidigungskrieg. Woher auch kein eigentlicher, reiner Kriegsgott bei ihnen. Die Sonnen- und Lichtgötter wurden beim Kampfe angerufen und nach ihm verehrt, wie die Königinhofer Handschrift darthut.

 Ausserdem aber beschäftigten sich die Slawen nur vorzüglicherweise mit Handel und Gewerben und hatten für sie ihre Götter. Ebenso konnten sie in den Künsten nicht unbewandert sein; denn einzelne Götterstatuen werden uns als sehr schön beschrieben und ihre Tempel waren prachtvoll geschmückt; in der Musik zeichnete sich der Gesang vorzüglich aus, wie ja alle slawischen Völkerschaften geborene Sänger sind. In der Poesie können sie sich mit allen Nationen messen; ihre Volkslieder sind zahllos, und schon im höchsten Alterthume besassen sie cyclische Dichter, welche die Thaten der Vorfahren sangen. Hochberühmt sind: „der Zug Igors“ und die „Königinhofer Handschrift“, von Hanke gefunden. In Hinsicht der Wissenschaft behauptet der Verfasser ganz im Gegensatz zu der bisher geltenden Annahme, „dass gerade im tieferen Alterthume die heidnischen Slawen eine selbstständigere und tiefere Bildung hatten als in spätem Zeiten“, welche Bildung sich natürlich bei den Priestern concentrirte. Kniez, Fürst und Priester, und Kniha (Knizy) Buch stehen unmittelbar neben einander. Es wird sogar wahrscheinlich, die alten slawischen Priester hätten ein Religionsbuch gehabt. Erst als sie zu Zauberern herabsanken, fiel auch ihr Ansehen, und ihren Namen Kniez gab man bei allen slawischen Völkerschaften den christlichen Priestern, während die Deutschen z. B. das griechische Wort dafür nahmen.

 C. Die unterirdischen Götter der Slawen. Die Seele entfloh dem Menschen als Vogel; der Leichnam wurde verbrannt, später auch begraben. Todtenspiele hiessen Trysna; überdiess gab es ein jährliches allgemeines Todtenfest, wozu man die Verstorbenen förmlich einlud, sie mit Speisen und ihren Dampf bewirthete und allerhand andere geheimnissvolle Dinge trieb; dieses Todtenfest hiess Stypa, Strawa, auch Dziady (wesshalb eine der grossartigsten Dichtungen von Mickiewicz diesen Namen führt). An ein Wiederfinden nach dem Tode und an eine Vereinigung der Seele mit dem Körper glaubte man fast überall. Ueber die Abgeschiedenen richteten eigene Gottheiten, Sudice. „Die Guten wohnen am mitternächtlichen Ende der Milchstrasse“, bekommen jeder 100 Sinne, jeder Quell von 100 Vergnügungen. Die Bösen in der Unterwelt Pragaras, wo Martern und Foltern. Den Todesgöttern wurden die Opfer stets in die Erde gelegt.

 Der Verfasser unterscheidet nun zwar einen slawischen Urmythus von dem, der sich „in Europa ausgebildet“; allein da wir von jenem gar nichts wissen, auch der Einzug

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 66. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/77&oldid=- (Version vom 23.9.2019)