Seite:JosephusBellumGermanKohout.djvu/315

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hohenpriesterlichen Gewändern und geschmückt mit dem schönsten aller ehrwürdigen Titel, lebe ich noch und klammere mich noch an das Leben, anstatt wenigstens für die paar Tage meines Greisenalters einen ruhmreichen Tod mir einzutauschen! Stehe ich indes wirklich ganz allein, und ist es für mich her wie zur Wüste geworden, gut, so will ich doch wenigstens mein eigenes Leben ganz allein für meinen Gott hingeben. 165 Denn was soll mir auch das Leben unter einem Volke, das für sein eigenstes trauriges Schicksal schon ganz abgestumpft, und bei dem jedes Verständnis selbst für das Unheil, das ihm bereits am Nacken sitzt, völlig erloschen ist. Raubt man euch aus, so duldet ihr es, schlägt man euch, so schweigt ihr dazu und selbst für die Gemeuchelten habt ihr und wagt ihr keinen lauten Seufzer! O, der bitteren Tyrannei! 166 Doch was klage ich über die Tyrannen? Sind sie denn nicht von euch selbst und eurer Lammsgeduld groß gezogen worden? 167 Habt ihr sie denn nicht damals, als sich die ersten zusammenrotteten, und ihre Zahl noch geringe war, voll Nachsicht gewähren lassen und so durch euer Stillschweigen selbst zu ihrer Vermehrung beigetragen? Habt ihr nicht auch, wie sie sich ihre Hände zu wappnen begannen, ruhig zugesehen, um so das Schwert der Räuber euch an die eigene Kehle zu setzen, 168 anstatt schon ihren ersten Anlauf zu unterdrücken, als sie zunächst nur mit Schmähungen sich an eurem Fleisch und Blut vergriffen? Ihr aber habt euch darum gar nicht gekümmert und so die Schurken auch noch zum Rauben und Stehlen förmlich herausgefordert und kein Wort dazu gesagt, als sie selbst ganze Häuser zu verwüsten anfiengen. Ganz natürlich, dass sie dann auch zur Verhaftung der Eigenthümer schritten, und wieder war niemand zum Beistande da, als man die Verhafteten mitten durch die Stadt schleppte! 169 Man hat sie, die von euch so schmählich preisgegebenen Männer, den Kerkerqualen überantwortet, ich will hier nicht hervorheben, wie viele und was für Männer, sondern nur was das ärgste ist, ohne alle Anklage, ohne Untersuchung. Dennoch ist kein Mensch den Gefangenen zu Hilfe gekommen. Es war vorauszusehen, dass wir dieselben dann auch sterben sehen mussten. 170 Ja, wir haben auch hier zugesehen, wie eine Herde vernunftloser Thiere zuschaut, wenn aus ihr das stärkste, das ja stets das Opfer sein muss, herausgerissen wird, und keiner von uns hat einen Laut von sich gegeben, geschweige, dass er eine Faust gerührt hätte! 171 Traget es also jetzt nur, traget es, wenn ihr das Heiligthum niedergetreten seht, und nachdem ihr Stufe um Stufe den Ruchlosen zu ihren Freveln selbst aufgebaut habt, dürft ihr euch jetzt ihre Obmacht nicht schwer fallen lassen. Sicherlich wären sie ja jetzt noch weiter gestiegen, wenn

Empfohlene Zitierweise:
Flavius Josephus: Jüdischer Krieg. Linz: Quirin Haslingers Verlag, 1901, Seite 315. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:JosephusBellumGermanKohout.djvu/315&oldid=- (Version vom 1.8.2018)