Seite:Katzenschlucker.djvu/10

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

machen, nur einen kleinen, ganz kleinen Versuch, nur daß man wüßte, ob es wirklich ein Zauberstab sei. Aber was? Sein quälender Durst gab ihm den Wunsch nach frischem Obst ein. So ein paar saftige Kirschen jetzt, das müßte ein Hochgenuß sein! Und schon schwang er den Zauberstab und sagte laut: „Hier am Brunnenrande soll gleich ein Korb mit Kirschen stehen!“

Er hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, so standen sie auch schon da. Zuerst traute er seinen Augen kaum und griff nur mit zitternder Hand nach ihnen. Erst als er den süßen Saft im Munde spürte, wußte er, daß es Wahrheit war. Und nun nahm er eine Kirsche nach der andern aus dem Korbe, spuckte die Kerne schön in den Brunnentrog und freute sich der silberzitternden Kreise, die sie auf der Wasserfläche hinterließen. Dann warf er noch einen Blick auf den Grund des Brunnens, ob dort der goldene Krebs noch zu sehen sei und ob er seinen Übermut mit den Kernen nicht etwa übel aufnehme. Aber von dem war keine Spur mehr zu finden. So schmauste er denn behaglich seine Kirschen weiter und freute sich so recht vom Herzensgrunde seiner Macht.

Was wollte er nun zuerst unternehmen? Erst jetzt merkte er, wie wenig er selbst daran geglaubt hatte, daß es mit dem, was er aus dem alten Buche erfahren hatte, seine Richtigkeit haben werde. Denn er hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, wie er die Zauberkraft gebrauchen würde. Aber wie er sich das nun überlegen wollte, spürte er, wie die durchgemachte Aufregung ihn gänzlich erschöpft hatte. Jetzt nur schön zu Hause in der Kammer liegen und schlafen! Morgen würde ihm schon das Richtige einfallen.

Und so schwang er denn wieder seinen Zauberstab und wünschte sich in sein Bett. Und schon lag er auch darin und hatte sogar schon sein Nachthemd an und seine Kleider lagen fein säuberlich auf dem Stuhl neben dem Bette und die Kerze brannte auf seinem Nachttisch. Die pustete er aus, drehte sich gegen die Wand und schlief, hundemüde von all der Aufregung und Freude, auf der Stelle ein.

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Slawitschek: Anastasius Katzenschlucker, der große Zauberer. Vlg. des Deutschen Kulturverbandes, 1929, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Katzenschlucker.djvu/10&oldid=- (Version vom 21.5.2018)