Seite:Keyserling Wellen.pdf/99

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Kindergesicht mit einem merkwürdig schicksalsvollen Munde.“

Lolo schwieg eine Weile, dann wiederholte sie sinnend: „Ein schicksalsvoller Mund, das hast du gut gesagt, ich suche lange schon einen Ausdruck für diesen Mund. Es muß seltsam sein, einen schicksalsvollen Mund zu haben, ich kann mir das denken, ja ich fühle das jetzt so deutlich, so stark, daß ich überzeugt bin, ich habe in diesem Augenblicke auch einen schicksalsvollen Mund. Küsse mich jetzt und du wirst sehen.“ Sie blieb stehen und hielt ihr ernstes, vom Monde hellbeschienenes Gesicht hin und als Hilmar sie geküßt hatte, fragte sie gespannt: „Nun?“

Hilmar schüttelte den Kopf: „Von Schicksal keine Spur. Mehr ein friedlicher Pfingstsonntag auf dem Lande.“ Lolo zuckte die Achseln und seufzte. „Nein, warte,“ fuhr Hilmar fort, „es ist doch anders, dich hier vor dem Meere zu küssen, kommt mir wie eine kolossale Frechheit vor. Es ist so, als sähen alle fünf Weltteile uns zu, das ist ein eigentümliches Gefühl.“

„Nein, das will ich nicht,“ rief Lolo und machte sich von ihm los.

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Eduard von Keyserling: Wellen. S. Fischer, Berlin 1920, Seite 99. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Keyserling_Wellen.pdf/99&oldid=- (Version vom 1.8.2018)