Seite:Knortz-Ein amerikanischer Diogenes (Henry D.Thoreau).djvu/26

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Dieses lasse sich nur durch Ruhe und Freiheit in der Stille des Waldes und des Feldes erreichen. Nichts schien ihm so langweilig, wie die Conversation mit einem unverständigen, langweiligen Menschen. Nur in der Einsamkeit fühlte er sich wohl. Dort fand er Rom, Florenz und Athen und schrieb Briefe an seine todten Freunde Homer, Cicero u. s. w. Er bedauerte die Menschen, verachtete sie aber nicht.

Auch Descartes fand in der Zurückgezogenheit den ersehnten Frieden. Er änderte lieber seine Wünsche als seine Verhältnisse, wenn nur seine Ruhe dadurch befördert wurde. Der mißtrauische Rousseau, der überall Verleumder sah, die sich gegen ihn verschworen hatten, hielt die zahlreichen Täuschungen seines Lebens für ein ihm zugefügtes Unrecht; da er ferner die ihm von der Gesellschaft auferlegten Pflichten für eine Beeinträchtigung seiner Selbstständigkeit ansah – wahre Freundschaft legte nach seiner Ansicht keine Pflichten auf – so schuf er sich ein seinem Geschmack entsprechendes Phantasieleben und begeisterte spätere Generationen für Freiheit, Natur und Edelsinn.

Der schon erwähnte Zimmermann, dessen vielbändiges Werk über die Einsamkeit noch immer Leser findet, war, wie Carlyle sagt, zu dünnhäutig für die Welt, um am Getriebe derselben Gefallen zu finden. Die Rohheiten der Masse und die Laster der Reichen widerten ihn an. Da nicht Jeder mit den Wölfen heulen kann, schreibt er, so bleibt ihm weiter nichts übrig, als sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, in die nur der paßt, der Niemand ähnlich ist, der Niemand liebt und der auch von Niemand geliebt wird. Zimmermann selber war schon deshalb nicht für die Einsamkeit geschaffen, weil er ruhmsüchtig war, gerne mit hohen Würdenträgern verkehrte und Jedem durch sein zuvorkommendes Wesen und seine ritterlichen Manieren Schmeicheleien zu entlocken suchte.

Empfohlene Zitierweise:
Karl Knortz: Ein amerikanischer Diogenes (Henry D. Thoreau). Verlagsanstalt und Druckerei A.-G., Hamburg 1899, Seite 26. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Knortz-Ein_amerikanischer_Diogenes_(Henry_D.Thoreau).djvu/26&oldid=- (Version vom 1.8.2018)