Seite:Knortz-Ein amerikanischer Diogenes (Henry D.Thoreau).djvu/25

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Derjenige, der die Welt zu sehr geliebt oder zu viel von ihr erwartet hat, wird zum Misanthropen, denn er hat bei der Umarmung der Menschheit einen Eisklumpen an sein Herz gedrückt. Aber der Kluge öffnet der Welt sein Herz nicht, denn er weiß, daß sie an seine Tugenden nicht glaubt.

Das Verachten der Masse ist leicht; derjenige aber, der sich dies erlaubt, sollte sich vor Abgabe seines Verdammungsurtheiles doch einmal ernstlich fragen, was er denn zur Hebung derselben gethan hat. Als Buddha Kenntniß vom allgemeinen Elende der Menschheit erhalten hatte, verließ er seinen Palast und brach jede Verbindung mit seinen Angehörigen ab, um in stiller Abgeschiedenheit über das Problem der Erlösung von allem Uebel nachzudenken. Als er aber seine Gedankenarbeit vollendet hatte, trat er wieder in die Welt zurück und verkündete ihr das edelste Evangelium der Humanität, das jemals ersonnen worden ist. Seine Lehre von der Weltflucht und der Unterdrückung aller Wünsche hat sich jedoch in Folge späterer Umbildungen der Civilisation, d. h. so wie wir sie verstehen, hinderlich gezeigt.

Dante war durch die Verhältnisse zu einem einsamen Leben verdammt worden; dasselbe schien jedoch seinen Neigungen zu entsprechen, denn er wußte nur zu gut, daß er, der sich niemals verstellen konnte, bei seiner ernsten Gesinnung, seinem unbeugsamen Charakter und seinem unbezwinglichen Hasse gegen alles Gemeine sich niemals in der Gesellschaft heimisch fühlen konnte. Als er einst gefragt wurde, weshalb ein gewisser Dummkopf so viele Freunde habe, erwiderte er, daß sich alle Geschöpfe gerne bei Ihresgleichen aufhielten.

Petrarca, der beredte, freiheitliebende und großmüthige italienische Dichter sagt in seiner Schrift über die Einsamkeit, daß die Ernstlosigkeit und sittliche Verderbniß der Gesellschaft es jedem Menschen unmöglich machten, vollkommen zu werden.

Empfohlene Zitierweise:
Karl Knortz: Ein amerikanischer Diogenes (Henry D. Thoreau). Verlagsanstalt und Druckerei A.-G., Hamburg 1899, Seite 25. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Knortz-Ein_amerikanischer_Diogenes_(Henry_D.Thoreau).djvu/25&oldid=- (Version vom 1.8.2018)