Seite:Knortz-Ein amerikanischer Diogenes (Henry D.Thoreau).djvu/4

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Jede absichtliche und beharrliche Fernhaltung vom öffentlichen Verkehre wird von dem nüchternen Amerikaner irgend einer Geistesstörung zugeschrieben, und deshalb mußte sich auch der hier eingehend zu besprechende Henry D. Thoreau, der doch nur zwei Jahre am Waldensee ein wöchentlich mehrmals unterbrochenes Einsiedlerleben führte, um ungehindert philosophischen und naturwissenschaftlichen Studien und Betrachtungen huldigen zu können, damit begnügen, nur bei äußerst wenigen Schöngeistern Anerkennung für seine litterarischen Leistungen zu finden, und es sich außerdem gefallen lassen, von seinen meisten Bekannten für einen unverbesserlichen Narren gehalten zu werden.

Unsere moderne Civilisation ist ein künstliches Gewebe, das uns täglich immer mehr dem directen, Körper, Herz und Gemüth stärkenden Umgang mit der Natur entfremdet und viele der lobenswerthen Eigenschaften und Tugenden raubt, welche den Stolz unserer Vorväter bildeten. Heuchelei, und zwar die ebenso durchsichtige wie unverschämte Heuchelei, ist die Signatur unseres Jahrhunderts geworden, und da, wo ein Prediger die Rückkehr zur Natur verkündet, setzt man ihm entweder taube Ohren entgegen, oder man antwortet durch ein spöttisches, skeptisches Lächeln, obgleich es im Grunde wenig dabei zu lachen giebt. Denn die Rückkehr zur Natur bezeichnet durchaus nicht die Rückkehr in den trostlosen Zustand des Barbarenthums mit seinen Greueln, Entbehrungen und seiner geistigen und körperlichen Unfreiheit, sondern vielmehr eine Rückkehr zur anspruchslosen Einfachheit und zur unbesiegbaren, sich keinen Bedingungen fügenden Charakterfestigkeit. Diese Rückkehr zur Natur soll uns aus der Sklaverei der conventionellen Lügen unserer Civilisation, sowie von den dadurch hervorgerufenen künstlichen Bedürfnissen befreien, damit wir nicht, während wir als Riesen der Intelligenz auftreten, moralisch und physisch verkrüppeln.

Die hier kurz angedeuteten Principien hatte Thoreau zum

Empfohlene Zitierweise:
Karl Knortz: Ein amerikanischer Diogenes (Henry D. Thoreau). Verlagsanstalt und Druckerei A.-G., Hamburg 1899, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Knortz-Ein_amerikanischer_Diogenes_(Henry_D.Thoreau).djvu/4&oldid=- (Version vom 1.8.2018)