Seite:Knortz - Hexen, Teufel und Blocksbergspuk in Geschichte, Sage und Literatur.pdf/133

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An Süßigkeit, o wüßtest du es nur!
Jetzt endlich hob das Haupt er, und es ruhte
Sein Blick auf mir. Du armer, irrer Geist,
Nichts sprach er sonst – nur langsam die vier Worte:
Du armer, irrer Geist – und sah mich an.
Und jählings’ schaut ich wie durch eine Pforte
Ein Land so licht, wie ich’s nicht sagen kann.
Es war der Strahl, denk’ ich, aus seinen Augen,
Der bei dem Wörtchen „arm“ mich übergoß.
Doch nie, fühlt’ ich, werd’ in dies Land ich taugen,
Als er mit „irrer Geist“ die Rede schloß.“

Asasel kommt zu der Überzeugung, daß er sich zum Fange des frommen Fants eines anderen Köders als Weiberfleisch bedienen müsse; er beschließt also, Lilith in Gestalt einer Taube zu ihm zu schicken und ihm durch sie einen goldenen Ring vor die Füße legen zu lassen – den Zauberring Salomos nämlich, den der jüdische König deshalb entrüstet von sich geschleudert, weil er ihm das Verständnis der Vogelsprache erschlossen und dadurch von der Untreue eines Mägdleins aus dem Stamme Sidons, das ihm sein hohes Alter versüßt, überzeugt und zu der pessimistischen Weltanschauung bekehrt worden war, daß alles eitel sei. Asasel will Lilith auf ihrem Fluge als Geier begleiten, in welcher Gestalt er jeden Augenblick, in dem sie etwa seinen Anordnungen zuwider handeln sollte, Gewalt über sie hat und bequem jedes Wort vernehmen kann, das sie mit dem Menschensohne wechselt.

„Doch hofft er sie gehorsam, seit er ein Gewand
Vornehmer Schönheit ihr verschafft am fernen Strand.
Es ist der Dolchstichtaube wundersames Kleid,
Die in den Tropenländern Luzons nur gedeiht.
Reich spielt des weichen Mantelflaumes Seidenglanz
In Farbenlust bei wechselvollem Lichtertanz
Vom rosenroten Schimmer zum smaragdnen Grün.
Doch mitten auf der weißen Brust mit tiefem Glühn,
Als wärs ein Tropfen Blutes, prangt ein winz’ger Schild,
Ein purpurrotes Mal und seltsam täuschend Bild,
Das an die Wunde eines weißen Busens mahnt,
In den ein Dolch sich mörderisch den Weg gebahnt.