Seite:Knortz - Hexen, Teufel und Blocksbergspuk in Geschichte, Sage und Literatur.pdf/80

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III.
Blockbergsspuk.

Die Goethe’sche Walpurgisnacht erinnert in keiner Hinsicht an den altdeutschen Gottesdienst, bei dem die Walküren als Schenkmädchen auftraten, das Trinkhorn nie leer, der gebratene Eber, so dicke Stücke sich auch die Einherier davon abschnitten, nie kleiner wurde, wo man sich die Zeit durch Kegeln, Singen und Raufen vertrieb und wo die tiefste Wunde, die der Urgermane davontrug, nur eine kurze Nacht zur Heilung brauchte. Bei Goethe sind die schmucken Kampfwählerinnen zu schmutzigen, runzligen und zotenden nächtlichen Unholdinnen geworden, die sich um die leiblichen Bedürfnisse ihrer männlichen Gäste, die allerdings nicht von ihnen zum Blocksbergfeste eingeladen, sondern nur von Goethe heimlich eingeschmuggelt worden waren, nicht im geringsten bekümmern und die ihnen zum Willkommen nicht einmal einen Becher Wein kredenzen. Selbst Faust, ein Mann von hohen Graden, der nach den Aussagen seines Freundes Mephisto bisher manchen guten Schluck getan, wird behandelt, als habe er sich das Zeichen des amerikanischen Temperenzlers an den Rock geheftet.

Ja, die gute, alte Zeit war verschwunden und mit ihr der deutsche Durst, von dem man immer behauptete, er sei ein Stück der Ewigkeit. Tacitus berichtet von den Deutschen seiner Zeit, es sei keinem eine Schande, Tag und Nacht in einem fortzutrinken, allein die damaligen Feste waren auch ganz anders, wie das von Goethe geschilderte auf dem Blocksberge, wobei natürlich nicht zu vergessen ist, daß Tacitus ein ruhig und unparteiisch beobachtender Geschichtsforscher, Goethe hingegen ein phantasiereicher, die Wirklichkeit umgestaltender Dichter war.