Seite:Letzte Stunden, Tod und Begräbniß des hochwürdigen Herrn Pfarrers Wilhelm Löhe.pdf/8

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der Eindruck, den man an diesem Sterbebett bekam. Wir priesen Gott für diesen Todesgang; wenn Wünschen gälte, möchten wir ihm heute kein andres Sterben wünschen, so und nicht anders war es recht und wohlgethan. Wir waren gewissermaßen innerlich froh an diesem Sterbelager zur Unthätigkeit verurteilt zu sein, wir hätten uns alle miteinander nicht im Stande gefühlt, dieser Seele sterben zu helfen und ihr mit Gottes Wort heimzuleuchten zum ewigen Frieden. So thaten wir was allein möglich war, wir hielten an am Gebet und schrieen zu Gott um Bewahrung der Seele vor dem Geiste der Anfechtung, um süßen, inwendigen Zuspruch des h. Geistes, Verkürzung des Todesleiden, selige Hinfahrt etc. Die Stimme des Anrufens verstummte nicht an diesem Todtenbette.

 Auf die Kunde von dem tödtlichen Erkranken des geliebten Hirten hatte eine große Schaar Theilnehmender in den Abendstunden des Neujahrtages sich in die Räume des Pfarrhauses gedrängt. Alles wollte dem theuren Manne noch einmal ins sterbende Angesicht schauen. Wir beteten, da nun die Versammlung größer geworden war, den 90. Psalm, mit dem der Sterbende sich am Morgen des Neujahrs eingesegnet hatte. Unterdessen schien die Todesnot sich einzustellen. Der Athem gieng stoßweise ein und aus, wurde kürzer und röchelnd, man meinte, es nahe der letzte Kampf.

 Wir beteten die Sterbelitanei, sangen mit thränenreicher Stimme das Lied: O Lamm Gottes etc., unter dessen Klängen er wie seine Mutter zu verscheiden gewünscht hatte, und der dienende Geistliche segnete ihn mit den feiernden, majestätischen Worten seiner eigenen Agende zum Todesgange ein. Da siehe – unter den segnenden Worten des Gebet; trat Stille und Friede ein, es kam Ruhe von der Todesarbeit. Es schien die Einsegnung eine verfrühte und übereilte Sache gewesen zu sein. Und doch meinte mehr als Einer, es sei dies gerade der richtige Moment gewesen. Denn von da an nahm die Krankheit einen so ruhigen Verlauf und gleichmäßigen Charakter an, daß für die Einsegnung kaum mehr eine Stelle sich gefunden hätte, zumal der letzte Todeskampf kurz und so voll Aufregung war (es erfolgte noch wenige Minuten vor dem Tod ein heftiger Gallenerguß), daß für eine liturgische Feier kein Raum und keine inwendige Ruhe mehr vorhanden gewesen wäre.

 Am späten Abend gieng man vom Krankenbette bekümmert nach Hause. Eine Nacht voll ängstlicher Spannung folgte, wo der Schlaf die Augen floh; stündlich fürchtete man durch die Todesnachricht aufgeschreckt zu werden. Der anbrechende Morgen fand den Kranken anscheinend unverändert. Im Laufe des Vormittags kam der einzige Bruder und die einzige noch lebende Schwester an das Sterbelager des Bruders geeilt, während der jüngere Sohn schon in der Nacht eingetroffen war. Man saß im Vorzimmer in feierlicher, erwartungsvoller Stille,