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ukrainischen nationalen Bestrebung auch dem Auslande gegenüber auftrat.

Wie stark sonst die ukrainische Bewegung bereits in den Massen der ukrainischen Bevölkerung Rußlands in den letzten Jahren zunahm, beweist der Umstand, daß mit dem Ausbruche des Krieges sämtliche in ukrainischer Sprache erscheinenden Blätter und Zeitschriften, mit dem Kijiwer Tageblatt „Rada“ an der Spitze, von der russischen Behörde suspendiert, sämtliche ukrainischen Vereine und Klubs aufgelöst und unlängst an einem einzigen Tage nicht weniger als 600 Ukrainer als „staatsgefährlich“ in Haft genommen wurden!

Auf diese Weise trachtet die russische Regierung die russische „Staatszitadelle“ zu retten, die angebliche Einheit des „russischen“ Stammes vor der Spaltung zu bewahren!

Ob alle obenerwähnten Mittel russischer Gewaltherrscher genügen, um die bevorstehenden großen politischen Umwälzungen im europäischen Osten aufzuhalten, ist sehr zu bezweifeln. Jedenfalls erhoffen die Ukrainer vom jetzigen Weltkriege, daß er sie vom schrecklichen Joche doch einmal befreit und daß die ukrainische Nation, nach so vielen Prüfungen und harten Schlägen, dank den siegreichen verbündeten Armeen zu ihrem heißersehnten Ziele gelangen wird!

Das ukrainische Volk hat im Laufe seiner geschichtlichen Vergangenheit stets einen Anschluß an den europäischen Westen gesucht, und dieses Streben nach Europa erstreckte sich nicht nur auf das kulturelle Leben des Volkes, sondern auch auf dessen Politik. Bereits im 12. Jahrhundert bestanden Bündnisse und Handelsbeziehungen zwischen Ukrainern (damals nach der lateinischen Nomenklatur Ruthenen genannt) und Deutschen, der ukrainische Fürst Danilo wurde im 13. Jahrhundert – wie bereits eingangs erwähnt – vom römischen Papst zum König von Halitsch gekrönt, und sein Sohn Roman, der eine Babenbergerin heiratete, hielt sich sogar einige Zeit auf dem österreichischen

Empfohlene Zitierweise:
Eugen Lewicky: Die Ukraine der Lebensnerv Rußlands (= Ernst Jäckh (Hg.): Der Deutsche Krieg, 33). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart u. Berlin 1915, Seite 30. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Lewicky_Die_Ukraine_1915.pdf/29&oldid=- (Version vom 24.2.2022)