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Sie biegen um die Straßenecke und gehen an einer Reihe Gärten entlang. „Singt da wirklich schon eine Amsel oder habe ich Ohrensausen?“ fragte der alte Herr. „Dieses nicht. sondern nein,“ erhält er zur Antwort; „aber eine Amsel singt da.“ Und sich zu der Amsel wendend, pfeift der junge Mann ihr vor, wie die Melodie lautet. Die Amsel hört aufmerksam zu und als sie wieder anfängt, geht es schon bedeutend glatter.

Der alte Herr verzieht sein faltiges Gesicht, daß es noch weniger lieblich aussieht, und ein paar Schneeglöckchen, die hinter einer dunkelen Buchsbaumeinfassung hervorleuchten, sieht er so tadelnd an, daß sie vor Schreck die Köpfe hängen lassen. Aber als der junge Mann sie ansieht, da werden sie wieder frech, und rechts und links von ihnen kommen immer mehr hervor und sogar ein gelber Safran rutscht ein Stückchen aus seiner grünen Hülle heraus. Der alte Mann bemerkt das mit Mißfallen.

Aber ganz ärgerlich wird er, wie dicht bei seiner roten Nase ein Spatz vorbeifliegt, der einen ellenlangen Strohhalm im Schnabel hat. „Das ist doch die Höhe!“ brummt der ehrenwerte Herr vor sich hin und sieht dem Spatzen nach, der mit seinem Strohhalm unter einer Dachrinne verschwindet. „Hat es das Gesindel eilig!“ knurrt er.“ „Kann das Volk nicht warten, bis es Zeit ist? Aber das legt und brütet darauf los, als ob es schon in der besten Maikäferzeit wäre!“

Herr Lenz lacht: „Nehmen Sie es ihnen nur nicht übel. Junge Leute haben es mit dem Heiraten immer eilig; ältere können sich schon eher beherrschen. Achtung!“ Hätte er nicht zugepackt, so wäre es dem Winter eklig gegangen, denn zwei Radfahrer, von denen der eine kurze Hosen, der andere kurze Röcke anhat, hätten den alten Herrn beinahe übergeradelt, weil sie, anstatt auf die Straße, sich in die Augen sahen.

„Schöne Wirtschaft das,“ brummte der Alte und sieht den beiden Leutchen nach, die mit hellem Lachen um die Straßenecke verschwinden. „Gestern sah man nur Geschäftsradler.

Empfohlene Zitierweise:
Hermann Löns: Der zweckmäßige Meyer. Sponholtz, Hannover 1911, Seite 34. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loens_Der_zweckmaessige_Meyer.pdf/40&oldid=3345588 (Version vom 1.8.2018)