Seite:Loens Der zweckmaessige Meyer.pdf/42

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Der junge Mann flötet leise durch die Zähne: „Das macht die Li-ie-be ganz allein,“ unbekümmert darum, daß der alte Herr den reichlich vorhandenen Runzeln auf seiner Stirn einige weitere hinzufügt, die er um noch eine vermehrt, als sich aus dem Grase lautschnurrend ein dicker Mistkäfer erhebt und mit anspruchsvollem Gebrumme den Weg entlang fliegt. Aber als ein grauer Schmetterling mit unsicherem Fluge herangetaumelt kommt und vor der Bank auf den Boden fällt, da lächelt der Graubart.

Der junge Mann dreht die Spitze seines gut sitzenden braunen Schnürschuhes um einen Zoll nach rechts, bis sie über dem Frostspanner ist, senkt sie und tritt die Motte tot. „Roheit!“ brummt der alte Mann. „Ist es,“ versetzt der andere; „aber so ist das Leben. Sie werfen mir Schnee in die Blumen und ich trete Ihr geliebtes Ungeziefer tot. Ihnen gefällt mein Mistkäfer nicht und mir Ihr Winterschmetterling noch weniger. Der eine ist so und der andere so. Dem einen seine Eule ist dem andern seine Nachtigall. Die Geschmäcker sind unterschiedlich. Wer Senf mag, nimmt, wer nicht, der dankt.“

Nach dieser Darlegung seiner Weltanschauung steckt Herr Lenz sich eine leichte Zigarre an, während Herr Winter eine schwere hervorzieht. Auf dem Hornzacken des alten Eichenüberhälters sitzt eine Krähe, die auf der Sonnenseite silberweiß, auf der Schattenseite kohlschwarz aussieht. Sie quiekt, quietscht, schnalzt und schmatzt und ruft dann laut und deutlich: „Jule, Julia, Julchen!“ Schon ist die Bewußte da, und es beginnt ein Gehabe und Getue, das den älteren der beiden Herren höchst peinlich berührt.

„Vollkommen verrückt!“ meint er kopfschüttelnd. Aber dann macht er ganz runde Augen, denn was er da vor sich sieht, das ist noch verrückter als verrückt. Da hopsen, hüpfen, rennen, rutschen, klettern, krabbeln ein halbes, nein ein ganzes Dutzend rote, braune, graue Dinger um ein schwarzes; die

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Hermann Löns: Der zweckmäßige Meyer. Sponholtz, Hannover 1911, Seite 36. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loens_Der_zweckmaessige_Meyer.pdf/42&oldid=- (Version vom 1.8.2018)