Seite:Loos Sämtliche Schriften.pdf/115

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unsere europäische kleidung nur wie eine maske anlegen, denn unter ihr tragen wir noch die nationale tracht.

Aber: entweder – oder. Wir müssen uns entschließen. Entweder wir haben den mut der überzeugung, uns von der übrigen menschheit abzusondern, und legen eine nationaltracht an. Oder, wir halten uns an die übrige menschheit und kleiden uns wie diese. Nur äußerlich aber den modernen kulturmenschen spielen und mit den kleidungsstücken, die dem fremden blicke erreichbar sind, vortäuschen zu wollen, das ist gewiß nicht vornehm.

Während uns in der oberkleidung eine ganze welt vom landmann trennt, unterscheidet sich unsere unterkleidung, unsere wäsche in nichts von der des bauern. In Budapest trägt man dieselben unterhosen wie sie der csikos, in Wien dieselben, wie sie der niederösterreichische bauer trägt. Was ist es nun, das uns in der wäsche so sehr von den übrigen kulturvölkern trennt?

Es ist die tatsache, daß wir um mindestens fünfzig jahre hinter dem stadium zurückstehen, in dem sich England gegenwärtig befindet, das der gewirkten wäsche gegen die gewebte wäsche den sieg erkämpft hat. In der oberkleidung haben wir ja im laufe dieses jahrhunderts keine großen umwälzungen zu verzeichnen. Um so einschneidender sind sie in der unterkleidung. Vor hundert jahren noch hüllte man sich ganz in leinwand. Im laufe dieses jahrhunderts aber ist man schrittweise daran gegangen, dem wirkwarenerzeuger wieder sein gebiet zurückzuerstatten. Schrittweise ging man vor, das heißt von körperteil zu körperteil. Man begann mit den füßen, und dann ging es aufwärts. Gegenwärtig gehört der arbeit des wirkers der ganze unterkörper, während sich der oberkörper noch gefallen lassen muß, daß das trikothemd

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Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 116. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/115&oldid=- (Version vom 1.8.2018)