Seite:Loos Sämtliche Schriften.pdf/158

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Jeder raseur möchte wie ein graf aussehen. In der ehe erhält die frau durch den mann ihre soziale marke, gleichviel ob sie kokotte oder fürstin gewesen ist. Ihre stellung geht vollständig verloren.

Das weib ist daher gezwungen, durch seine kleidung an die sinnlichkeit des mannes zu appellieren, unbewußt an seine krankhafte sinnlichkeit, für die man nur die kultur seiner zeit verantwortlich machen kann.

Während also die veränderung in der männerkleidung in der art bewirkt wird, daß die großen massen in ihrem drange nach vornehmheit nachstürzen und auf diese weise die ursprünglich vornehme form entwerten, die wirklich vornehmen – oder, besser: die, die von der menge für vornehme gehalten werden – sich nun aber nach einer neuen form umsehen müssen, um sich zu unterscheiden, wird der wechsel in der frauenkleidung nur von dem wechsel der sinnlichkeit diktiert.

Und die sinnlichkeit wechselt stetig. Gewisse verirrungen häufen sich gewöhnlich in einer zeit, um dann wieder anderen platz zu machen. Die verurteilungen nach den paragraphen 125 bis 133 unseres strafgesetzes sind das verläßlichste modejournal. Ich will nicht weit zurückgreifen. Ende der siebziger und anfang der achtziger jahre strotzte die literatur jener richtung, die durch ihre realistische aufrichtigkeit zu wirken suchte, von beschreibungen üppiger frauenschönheit und flagellationsszenen. Ich erinnere nur an Sacher-Masoch, Catulle Mendès, Armand Silvestre. Bald darauf wurde volle üppigkeit, reife weiblichkeit durch die kleidung scharf zum ausdrucke gebracht. Wer sie nicht besaß, mußte sie vortäuschen: le cul de Paris. Dann trat die reaktion ein. Der ruf nach jugend erscholl. Das weibkind kam in

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 159. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/158&oldid=- (Version vom 1.8.2018)