Seite:Loos Sämtliche Schriften.pdf/88

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Der reiter trägt stiefel, lange hosen, die über die knie reichen und dort einen recht engen schluß haben sollen (riding breeches). Die kann der fußgänger, der hochgebirgler nicht brauchen. Er trägt – ob er nun in Schottland oder in den alpen lebt – schnürschuhe, strümpfe, die nicht über das knie reichen dürfen, und ganz freie knie. Der schotte trägt dann den bekannten rock, der älpler die lederhose – im prinzip ist es dasselbe. Auch die stoffe sind bei reiter und fußgänger verschieden. Der mann der ebene trägt glatte tuche, der mann des gebirges rauhe gewebe (homespuns und loden).

Das besteigen der berge wurde dem menschen zum bedürfnisse. Die gleichen menschen, die noch vor hundert jahren einen so gewaltigen horror vor dem hochgebirge hatten, fliehen aus der ebene in die berge. Bergsteigen, durch eigene kraft den eigenen leib immer höher hinauftragen, gilt uns gegenwärtig als die edelste leidenschaft. Sollten von jener edlen leidenschaft – man erinnere sich, daß auch im vorigen jahrhundert das reiten als noble passion bezeichnet wurde –, sollten also von jener edlen leidenschaft alle jene ausgeschlossen werden, die nicht im hochlande leben? Man suchte nach einem mittel, auch diesen etwas ähnliches zu ermöglichen, man suchte nach einer vorrichtung, jene bewegungen auch in der ebene auszuführen: das bicycle wurde erfunden.

Der bicyclist ist der bergsteiger der ebene. Er kleidet sich daher wie dieser. Hohe stiefel und lange hosen kann er nicht brauchen. Er trägt hosen, die um die knie weit sind und darunter als stulpen schließen, damit sich die umgeschlagenen strümpfe um dieselben legen können (umgeschlagen werden sie sowohl in den alpen als in Schottland, damit sie nicht hinabrutschen). Auf diese

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 89. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/88&oldid=- (Version vom 1.8.2018)