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156. Steinalt.

1502 wohnte zu Lübeck ein alter reicher Kaufherr; der hatte die Welt so lieb, daß er gar nicht an das Sterben dachte. Nun verstarben ihm seine Frau, seine Kinder, seine Freunde; und jedesmal kam der Tod, und fragte ihn, ob er noch nicht Lust habe, abzuscheiden: er aber weigerte sich dessen, und lebte weiter. Er bat auch nicht anders, denn daß Gott ihn am Leben lassen möchte, ob er gleich steinalt werden sollte. Nun ward er immer älter und dürrer und geringer, und aß am Ende nicht eines Pfennigs werth; gleichwohl lebte er. Endlich kannte er Keinen mehr, aber Jeder kannte ihn; und weil er gar kindisch ward, hatten’s die Kinder ihren Spott.

Da seufzte er nach dem Tode; aber der kam nicht: er suchte ihn; konnte ihn aber nicht finden. Nun hatte er gehört, daß der Tod zu Mitternacht in der Marienkirche umgehe: da wollt’ er ihn bitten. Aber niemand mochte ihm zu solcher Zeit die Thüren öffnen. Als nun eines Tags die Dachdecker an der Seite nach dem engen Krambuden zu thun gehabt, sieht er zur Nacht die große Leiter lehnen, und steigt mit Mühe hinauf, um nach dem Tod in die Kirche zu sehn. Wie er aber auf dem ersten Dach ist, kann er nicht weiter, und setzt sich in eine Ecke:

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Ernst Deecke: Lübische Geschichten und Sagen. Carl Boldemann, Lübeck 1852, Seite 272. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Luebische_Geschichten_und_Sagen.djvu/278&oldid=- (Version vom 1.8.2018)