Seite:MüllerKriegsbriefe.pdf/18

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Gleich bei der Endstelle der Straßenbahn beginnt das Bild der Zerstörung. Eine Brandruine starrt mir entgegen. Einige Schritte weiter. Ganze Reihen von Häusern rechts und links der Straße liegen in Schutt und Asche. Die Ziegelei und ein neues großes Fabrikgebäude, dessen Besitzer, wie man mir erzählt, als deutscher Offizier im Felde steht, liegen großenteils in Trümmern. Bekanntlich sollen in Burzweiler deutsche Soldaten aus den Häusern beschossen worden sein. Zur Strafe dafür wurden die betreffenden Gebäude niedergebrannt. Auffallenderweise stehen mitten im abgebrannten Quartier einzelne Häuser oder ganze Häusergruppen völlig unversehrt da, was darauf schließen läßt, daß nicht wahllos niedergebrannt wurde. Mich reizt es zu erfahren, was die Dorfbewohner sagen. Da kommen einige Dorfkinder, lustig plaudernd, aus der Schule. Ich frage sie nach der Ursache der Zerstörung der nächsten Häuser. „Anzündet hän sie’s.“ — „Ja, wer denn?“ „Die Ditsche.“ „Warum denn?“ Verlegenes Schweigen. „Ist vielleicht d’raus geschossen worden?“ „Nei, nei!“ schallt’s mir im Chor entgegen, „niemed het g’schosse.“ Ein Mensch mit unheimlich flackernden, haßerfüllten Augen macht sich, wie er meine Teilnahme für das Schicksal des Dorfes bemerkt, an mich heran und fängt sogleich, heftig gestikulierend, zu erzählen an. Zur nahen Kirche führt er mich, wo an einer Ecke drei frische Grabhügel aufgeworfen find. „Da liegen sie, mein Schwager und sein neunzehnjähriger Sohn

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Karl Müller: Kriegsbriefe eines neutralen Offiziers. Velhagen & Klasing, Bielefeld ; Leipzig 1915, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:M%C3%BCllerKriegsbriefe.pdf/18&oldid=- (Version vom 1.8.2018)