Seite:Mitteilungen des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde 8.djvu/18

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der Lieder in deutschböhmischen Zeitschriften, Heimatskunden usw. Wir werden diese Inventarisierung nach den Bestimmungen der vom Verbande eingesetzten Volksliedkommission durchführen, wie es wahrscheinlich auch die andern deutschen Arbeitsausschüsse tun werden.

Bei dieser wichtigen Vorarbeit werden wir schon die Spreu von den Körnern scheiden können und nur das auswählen, was sich für die geplante Ausgabe eignet. Hier ergeben sich wieder neue Schwierigkeiten. Nur einiges möchte ich herausgreifen. So die erotischen Lieder, oder sagen wir gut deutsch die unzüchtigen Lieder. Dem schlichten Volke ist Lüsternheit völlig fremd. Aber das Volk betrachtet mit Recht das Geschlechtliche als etwas Natürliches, da es durchaus nicht von der Zimperlichkeit der überbildeten Städter angekränkelt ist. Das Gesundderbe auch auf dem geschlechtlichen Gebiete gehört zur Eigenart der unteren Schichten und kommt in vielen Liedern, besonders in den Schnaderhüpfeln und in den Fenstersprücheln kräftig zum Ausdruck. Nicht nur in den Alpen, sondern auch in den Sudetenländern gibt es Tausende solcher „Wildlinge“; doch immer ist hier nicht das Unzüchtige die Hauptsache, sondern der Witz. Wir werden natürlich auch manches davon aufnehmen, soweit es wirklich Volkslieder sind und der Eigenart des betreffenden Stammes entsprechen. Das Ärgste werden wir in die Anmerkungen verweisen. Doch wollen wir nicht so vorgehen, wie Blümml, der wegen seiner fleißigen Erforschung unseres Volksliedes Anerkennung verdient, bei seiner Sammlung „Erotischer Volkslieder aus Deutsch-Österreich“ (1905) vorgegangen ist. Er bringt hier neben Proben naiver Sinnlichkeit in Liedern aus dem Landvolke, was ja ganz in Ordnung ist, auch niemals gesungene „Erzeugnisse städtischer Bordelle, von denen man sich“, wie Bolte mit Recht gerügt hat, „mit Ekel abwendet“.

Ferner: zahlreiche Lieder, nicht nur ältere balladenartige Lieder, die über ganz Deutschland verbreitet sind, sondern auch Vierzeiler und kurze Liebeslieder sind in den meisten Ländern Österreichs üblich. Welches Land soll also diese überall gemeinsamen Lieder herausgeben? Nur bei sehr wenigen Stücken ist der Entstehungsort zu erschließen; örtliche Anspielungen sind gar selten und können auch später eingefügt worden sein. Die mundartliche Färbung ist nicht immer für die Heimat entscheidend, denn häufig werden solche Lieder, welche in anderen Landschaften Aufnahme finden, in die dort übliche Mundart übertragen. Mehrfacher Abdruck ganz gleicher Lieder in verschiedenen Ausgaben wäre mißlich. Doch soll andererseits wieder ein Land, in dem nachweislich ein Lied seit langer Zeit heimisch ist, als heimisch betrachtet und viel gesungen wird, zugunsten eines andern Landes, das vielleicht die gleichen Anrechte darauf hat, ausgeschieden werden? Über diese Fragen und über die Art der Anordnung im einzelnen wird noch eine Beratung der Vorsitzenden und Musikfachmänner aller Ausschüsse in Wien nötig sein.

Inzwischen gehen die verschiedenen Ausschüsse ihre eigenen Wege. In der Steiermark sind fünf Bände veranschlagt: I. Über 3000 Tänze. II. Gegen 1000 Jodler und Juchezer. III. Über 5000 Schnaderhüpfel. IV. Erzählende, geistliche, Liebeslieder u. a. V. Die übrige Volksdichtung und Musik; Nachträge. Die ersten zwei Bände liegen druckfertig vor. Das Ministerium hat aber vorläufig Bedenken, das ganze Unternehmen mit Bänden zu eröffnen, die nicht eigentliche Lieder, sondern Melodien ohne oder nur mit geringem Text bringen.