Seite:Mitteilungen des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde 8.djvu/21

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Mutterlande, dem Deutschen Reiche, die wissenschaftliche, aber auch ausgesprochen nationale Aufgabe in Angriff genommen werde, den Volksliederschatz des Reiches möglichst vollständig aufzusammeln, zu bergen und herauszugeben. Wenn nur die Mittel beschafft werden, an tüchtigen Arbeitern wird es nicht fehlen.


Über die Erforschung der Rethrasagen.[1]
Von Richard Wossidlo.

Das Rethra-Problem, das seit 1768, d. h. seit dem bekannten Streit über die Echtheit der sogenannten Prilwitzer Idole die mecklenburgische Altertumsforschung auf das lebhafteste beschäftigt hat, d. h. die Frage, wo wir das Nationalheiligtum der Mecklenburger Wenden, die Orakelstätte des Liutizengottes Radegast-Zuarasici zu suchen haben, ist neuerdings wieder in den Vordergrund des Interesses gerückt worden durch die Grabungen, welche mit Hilfe der von der Virchow-Stiftung bewilligten Mittel die von der Berliner Anthropologischen Gesellschaft eingesetzte Rethra-Kommission unter der unermüdlichen und in höchstem Maße sachkundigen und sorgfältigen Leitung des Ingenieurs Oesten aus Berlin seit vier Jahren an und in den beiden bei Neubrandenburg gelegenen Seen, der Tollense und der Lieps, vornehmen läßt.[2]

Die Lösung des Problems nun war bisher stets entweder auf historisch-kritischem Wege, d. h. durch eine eindringende Würdigung der beiden Berichte, die uns Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen hinterlassen haben (auf die Schwierigkeiten, welche die Vergleichung der beiden Berichte bietet, kann ich hier nicht eingehen), oder auf rein archäologischem Wege versucht worden. Der Wert von Flurnamen und Volkssagen war nicht erkannt. Auch der Leiter der jetzigen Grabungen glaubte anfangs dieser Hilfsmittel entraten zu können.

Mir waren schon zu Anfang der neunziger Jahre in Waren bei Leuten, die aus der Neubrandenburger Gegend stammten, Sagen über Rethra begegnet. Die Erklärung eines Gelehrten, dem ich sie vorlegte, solche Sagen seien zweifellos jungen Ursprungs und erst durch die wiederholten Grabungen der Neubrandenburger Forscher entstanden, hat mich leider damals von weiteren Nachforschungen zurückgehalten. Als dann im Mai 1906 der zweite Bericht Oestens erschien, der mir den Eindruck weckte, daß man auf dem Wege zum Ziele sei, d. h. daß Rethra bei Neubrandenburg zu suchen sei


  1. Kurz bevor unser Verband in Berlin tagte, hatte in Lübeck eine Tagung des Gesamtvereins deutscher Geschichts- und Altertumsvereine stattgefunden, wobei Herr Prof. Richard Wossidlo über seine Rethrasagen-Forschung sprach. Auf Bitten der Schriftleitung dieses Korrespondenzblattes hat der verdienstvolle Forscher die Güte gehabt, auch den Mitgliedern des Verbandes von jenem Vortrage in dem folgenden stark verkürzten und erheblich veränderten Berichte Kenntnis zu geben.
  2. Der Umstand, daß der Wasserspiegel beider Seen heute um anderthalb Meter höher ist als zur Wendenzeit (das Stauwerk der am Ende des 13. Jahrhunderts gebauten Vierrademühle in Neubrandenburg hat diese Erhöhung bewirkt) und daß dadurch der Umfang der in den Seen gelegenen Inseln erheblich gegen früher verändert ist, erschwert die Grabungen außerordentlich. Die Berichte Oestens finden sich in der Ztschr. f. Ethnol. 1904 S. 758 ff., 1905 S. 981 ff., 1906 S. 1006 ff., 1908 S. 559 ff.