Seite:Mitteilungen des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde 8.djvu/26

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

9. Was die Lage Rethras anlangt, so will die Mehrzahl der Sagen die Stadt auf den kleineren der beiden Seen, die „Lieps“ beschränkt wissen; andere suchen sie in der Tollense.

10. Die „Fischerinsel“ in der Tollense bei Wustrow, auf der zuerst Beyer, dann Brückner (seit dem Brückenfunde bei Wustrow in Jahre 1887), zuletzt Oesten den Radegasttempel gesucht haben (Oesten hat eine starke Boden- und Uferbefestigung festgestellt), wird in einer Sage, die Kennzeichen hohen Alters an sich trägt, Wilenso genannt. Der Fischereizug an der Westseite der Insel führt noch heute, was Oesten wohl entgangen ist, den Namen „Wendshöken“ oder „Wendshöpen“.

11. Die Sage, die Thietmar erwähnt, von dem aus dem See bei dem Tempel auftauchenden Eber, dessen Erscheinen als Vorzeichen eines Krieges gelte, hab ich bisher in der lebenden Überlieferung nicht wieder gefunden. Wohl aber bringt, was bisher nicht beachtet ist, soweit ich sehe, Müllenhoff eine ganz ähnliche Sage aus Flensburg: das scheint die neuerdings von Historikern verfochtene Annahme zu stützen, daß auch in Schleswig Slaven gewohnt haben. Auch in Pommern haben sich verwandte Sagen erhalten.

12. Bedeutsam tritt das Festland von Wustrow hervor. In dem Gutsgarten liegt nach der Sage das goldene Kalb. Schon in einem Prozeß vom Jahre 1530, dessen Akten Beyer im Schweriner Archive fand, handelt es sich um Schatzgräbereien, die „hart am Torwege des Bauhofes von Wustrow“ vorgenommen worden sind: ein Umstand, der auf das Alter der Rethra-Schatzsagen ein helles Licht wirft.

13. Auch das benachbarte Rehse und das ganze Tollenseufer bis Broda hin hat Überlieferungen, die zweifellos in wendische Zeit zurückreichen. Ein Ackerstück „bei der heiligen Eiche“ wird in einem Kirchenvisitierbuch von 1574 genannt: „Swenn’eek“ hieß noch vor kurzem eine jetzt verfallene alte Eiche. Beim nahen Meiershof zeigt sich nach der Volkssage ein Drache, der aus der Erde hervorkommt und wieder verschwindet: das klingt an eine unten zu erwähnende Sage von einer aus der Erde täglich hervorkommenden Wunderpflanze an. – Nach einer Brodaer Überlieferung lag die Stadt in der Tollense in der Richtung von Meiershof nach Klein-Nemerow hinüber. Die starksprudelnden Quellen bei Klein-Nemerow wollen nach der Volkssage den goldenen Gott aus der Tollense wieder herausschaffen. Ein Fischereizug zwischen Meiershof und Broda führt noch heute einen unanständigen Namen,[1] der nach der Volkssage früher auch den Dörfern Godendörp (vgl. Kuhn-Schwartz, Ndd. Sagen, S. 32) und Gottesgabe eigen war: in allen drei Fällen scheint es sich um altheilige Stätten zu handeln, die verächtlich gemacht werden sollten.

14. Auch Broda, der alte Fährort – später Sitz eines Klosters, bewahrt in Flurnamen und Sagen viel alte Überlieferung. Eine Neubrandenburger Sage sucht die untergegangene Stadt in den Wiesen am Tollensefluß.

15. Die unmittelbare Umgebung von Prilwitz ist mit Sagen angefüllt, von denen aber manche aus jüngerer Zeit stammen. Der „Schloßberg“, auf dem Masch den Rethratempel suchte (hier hat eine mittelalterliche Burg gestanden),


  1. In dem Programm von Kühnel „Die slavischen Ortsnamen in Mecklenburg-Strelitz“, II (1883), S. 36, wird dieser Fischereizug „dodentog“ genannt. Sein Gewährsmann, ein Verwandter des Fischereipächters, gestand mir, daß er diesen Namen gewählt habe, weil er den anstößigen Namen nicht habe nennen mögen. Man muß eben beim Sammeln der Flurnamen stets an Volksschichten sich wenden, die solche Rücksichten nicht kennen.