Seite:Mitteilungen des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde 8.djvu/25

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1. Die Frage, die selbst nach den Erfolgen der jüngsten Grabungen manchem noch immer strittig erschien: ob denn überhaupt Rethra an dem Tollense- und Lieps-See zu suchen sei, wird durch die Volkssage endgültig entschieden. Es ist völlig undenkbar, daß die Gesamtheit der von mir gefundenen Sagen auf gelehrtem Wege ins Volk gedrungen sei. Nur die Annahme einer unausgesetzten mündlichen Überlieferung von der Wendenzeit her vermag den heutigen Besitz des Volkes zu erklären. In keiner anderen Gegend Mecklenburgs hat sich die Erinnerung an die Wenden (de Wennschen) so lebendig erhalten wie hier.

2. Auch die heutigen und noch mehr die älteren Flurnamen reichen zum Teil auf wendische oder der wendischen unmittelbar folgende Zeiten zurück. Die Namen der Fischereizüge sind besonders bemerkenswert.

3. Durch die Ergebnisse der früheren und der jetzigen Grabungen wird die Richtigkeit der echten Volkssage in manchen Punkten bestätigt, in keinem sicher widerlegt. Wie weit sie mit Thietmars und Adams Schilderungen in Übereinstimmung zu bringen ist, kann erst untersucht werden, wenn die Sammelarbeit abgeschlossen ist.

4. Die Angaben hochbetagter Leute lassen erkennen, daß früher an dem Ufer der Lieps erhebliche Flächen mit Wald bedeckt waren, die heute beackert werden. So kommen wir dem Bilde jener silva ab incolis intacta et venerabilis magna, von der Thietmar redet, näher.

5. Als Namen der Stadt treten in der Volkssage auf: Schöne Reda (Rede, Reta) o. ä., Magareta u. ä. und Niniveh. Reda findet sich schon in den annales Augustenses und später bei Fabricius (1597). Niniveh erinnert an das Niniveta (statt Vineta) des codex Puchenii von Helmold. Die heute in Gelehrtenkreisen übliche Form Rethra ist ebenso wie die Form Rethre, die sich bei Adam und Helmold findet, der unbeeinflußten Volksüberlieferung völlig fremd. Ein zuverlässiger Gewährsmann erklärte mit großer Bestimmtheit, die Stadt habe zwei Namen gehabt: den zweiten (außer Schöne Reda) hatte er vergessen.

6. Von einer Zerstörung der Stadt durch Menschenhand weiß die Volkssage nichts; sie erklärt ihren Untergang durch eine Überflutung oder eine Überlastung des Bodens und bringt damit andere Veränderungen der Erdoberfläche in nahegelegenen Dörfern in Zusammenhang. Diese Annahme der Volkssage steht nicht im Widerspruch mit der geschichtlichen Überlieferung. Die in älteren Geschichtswerken sich vielfach findenden Angaben über eine dreifache Zerstörung beruhen auf falscher Kombination. Nur die Nachricht der annales Augustenses über den Zug des Bischofs Burchard von Halberstadt ist mit Sicherheit auf Rethra zu beziehen.

7. Die Sagen über die Flucht der Wenden und die Bergung der Tempelschätze weichen stark von einander ab: hier kreuzen sich nahezu 20 verschiedene Nachrichten, die zum Teil wieder durch Schatzsagen der weiteren Umgebung bestätigt werden. So soll z. B. in einem der Mollenstorfer Grabhügel Maria mit dem Jesuskinde vergraben liegen. Die Flurnamen auf der Grenze von Mollenstorf und Zahren (Düwelswisch, Heiligtum u. a.) weisen auf alte Kultstätten hin.

8. Eine aus guter Quelle stammende Sage bezeichnet ein Kultbild als ein silbernes Kalb, das an einem Balken befestigt gewesen sei.