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Liste.png Ferdynand Antoni Ossendowski: Schatten des dunklen Ostens

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Der Unmut und die Erregung, die in der Bevölkerung gegen den Betrüger aufflammten, nötigten den feisten Bruder, die gastfreundlichen Ufer der Newa bei Nadit und Nebel zu verlassen.


Die Jungfrau von Petrograd.

In Petrograd erschien im Jahre 1910 in einer Vorstadt plötzlich ein altes Weib, das sich mit Hilfe sehr geschickt organisierter Reklame als die wiedergeborene heilige Jungfrau ausgab.

Scharen von Menschen, Kranke und Unglückliche pilgerten zu dieser heiligen Jungfrau, die sie mit Wasser aus der Newa oder durch die Berührung ihrer Hände heilen wollte. Reiche Geschenke und Gaben wurden ihr dargebracht, mit deren Erlös sie sich in der Provinz ankaufte.

Der Klerus und ein Teil der Presse organisierten schließlich einen Feldzug gegen diese „Madonna“, der aber schnellen Abbruch erlitt. Die Polizei, die Zensur und der heilige Synod selbst machten den eifrigen Popen und den Redaktionen der Zeitungen kund, daß die Heiligkeit der „Jungfrau“ Bestätigung gefunden, die Zarin sie sogar empfangen hat.

Einige Jahre lang betrieb diese „Madonna“ ganz öffentlich und straflos ihr Gewerbe, bis endlich die Untersuchung anläßlich eines Diebstahles feststellte, daß die „segnende“ Hand der „heiligen Jungfrau“ samt ihrem Manne, dem „heiligen Joseph“, tätigen Anteil an der Dieberei genommen. Zu Gericht ließ man die Sache zwar nicht kommen, aber die Religionsspekulantin wurde gezwungen, vom Schauplatze ihrer Wundertätigkeit zu verschwinden.


Der Messias von Kronstadt.

Ein überaus markantes Beispiel des Aberglaubens bot der Pfarrer des orthodoxen Domes in Kronstadt, Iwan, Sohn des Sergius Iljin. Ich habe ihn einigemale getroffen. Er war ein sehr geriebener, nervöser, empfindsamer Pope, der die Menge durch sein Gebet mitzureißen wußte und sie durch Wort und Blick unter seinen Einfluß brachte. Er verstand es, durch Suggestion und Hypnose nicht nur einzelne kranke Personen, sondern auch ganze Menschenmassen seinem Willen untertan zu machen.

Empfohlene Zitierweise:
Ferdynand Antoni Ossendowski: Schatten des dunklen Ostens. Eurasia, Wien 1924, Seite 120. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Ossendowski_-_Schatten_des_dunklen_Ostens.djvu/124&oldid=3448448 (Version vom 8.11.2018)