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Liste.png Ferdynand Antoni Ossendowski: Schatten des dunklen Ostens

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Bezirk eine ganze Reihe Kranker brachte, unter ihnen Bauchtyphuskranke, Aussätzige und Syphilitiker.

Die Heilung wird vorgenommen.

In ein Faß voll heißen Wassers steckt man den Aussätzigen, der dicht mit Tüchern bedeckt ist. Nun wirft Sokolow Kräuter aller Art in das Wasser, magische Beschwörungsformeln vor sich hermurmelnd. Die Worte „Nostradamus“ und „Schugan“ sind immerfort in dem Gemurmel zu hören.

Seltsame Zeichen macht Sokolow mit Teer an die Außenseiten des Fasses, dann beräuchert er es mit dem Qualm verbrannter Gräser und Kräuter.

Nach einer Stunde wird der Aussätzige ohnmächtig aus dem Faß gezogen, rot wie ein gekochter Krebs, mit Augen starr und glasig und mit Wunden an Mund, Nase und Händen, die noch fürchterlicher geworden, als sie schon gewesen.

Wieder zum Leben erwacht, läßt der Zauberer den Kranken aus dem Faßwasser ein großes Glas leer trinken, nimmt seinen Kopf zwischen die beiden Hände, starrt ihn lange mit unheimlichem Blicke an und gebietet mit ernster und feierlicher Stimme:

„Geh’ — geh’ fort, — Schugan der Krankheit! — Der Schwarze befiehlt es, der Schwarze will es, — geh’, — geh’, — geh’ von dannen!“

Ob diese Kur dem Aussätzigen geholfen? Es ist mir unbekannt geblieben.

Ich weiß nur, daß die russische Regierung wegen der raschen Verbreitung des Aussatzes in den Bezirken Jamburg und Gdow ein Spital errichten mußte.

Den Typhus heilte man in einer nicht minder seltsamen Art.

Die sich in Fieber und Schüttelfrost wälzenden Kranken werden für Minuten nackt in den Schnee gelegt und darauf fest in frische Tücher eingeschnürt.

Der so präparierte Patient muß nun heißes Schwarzbrot essen, das mit dem Pulver gedörrter Schwaben gemischt ist.

Dann werden dem Kranken unter allerlei Beschwörungen dreizehn stark erhitzte, mit seltsamen Zeichen beschriebene Ziegel, einer nach dem anderen der Reihe nach auf den Bauch gelegt.

Galt auch diese Kur Sokolows als zuverlässig, so kann ich nur sagen, daß in dem hier beschriebenen Fall der Patient an Peritonitis

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Ferdynand Antoni Ossendowski: Schatten des dunklen Ostens. Eurasia, Wien 1924, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Ossendowski_-_Schatten_des_dunklen_Ostens.djvu/19&oldid=- (Version vom 9.6.2021)