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Der Lehrmeister aus Paris

An einem heißen Sommertag
Saß ich vor meiner Hüttentür,
Da kam ein Jüngling von jungen Jahren
Und setzte sich nieder her zu mir.

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Holdes Mädchen, hast du mich lieb?

Ich bin der Lehrmeister von Paris. –
O, schönster Jüngling, wie kann ich lieben,
Wenn ich nicht weiß, was lieben heißt.

Am andern Abend, da schlafen beide,

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Wovon die Mutter gar nichts weiß.

Jedoch der Vater darf es wissen,
Weil er auch weiß, was lieben heißt.

Am andern Morgen, da kam die Mutter:
O, liebes Töchterlein, so steh doch auf. –

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O, liebste Mutter, laß mich nur schlafen,

Ich hab’ heut’ Nacht das Lieben gelernt.

Wer ist der Heuchler und der Verführer,
Der meinem Kinde die Unschuld hat geraubt? –
Er ist kein Heuchler und kein Verführer,

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Er ist der Meister aus Paris.


Tausend Taler möcht ich geben,
Wenn ich den Meister kennen lernt. –
O, liebste Mutter, den kannst leicht kennen,
Er kommt heut’ Nacht wiedrum her zu mir.

Geschriebenes Soldatenliederbuch des Aegydius Haidinger vom K. u. K. Infanterieregiment Nr. 27, König der Belgier, 1908.

Blümml, Wien.

Empfohlene Zitierweise:
Hans Ostwald (Hrsg.): Erotische Volkslieder aus Deutschland. Eberhard Frowein, Berlin [1910], Seite 74. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Ostwald_Erotische_Volkslieder_aus_Deutschland.djvu/74&oldid=3376866 (Version vom 1.8.2018)