Seite:Philosophie der symbolischen Formen erster Teil.djvu/181

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der „Deixis“ überhaupt, aus welchen der Gegensatz des Hier, des Da und Dort, wie der Gegensatz des Ich, des Du und Er hervorgeht. „Hier“ – so bemerkt G. v. d. Gabelentz – „ist allemal, wo ich bin, und was hier ist, nenne ich dieses, im Gegensatze zu dem und jenem, was da oder dort ist. So erklärt sich der lateinische Gebrauch von hic, iste, ille = meus, tuus, ejus; so auch im Chinesischen das Zusammentreffen der Pronomina der zweiten Person mit Conjunctionen für örtliche und zeitliche Nähe und für Ähnlichkeit[1]“. Das gleiche Verhältnis hat Humboldt in der erwähnten Abhandlung an den malayischen Sprachen, am Japanischen und dem Armenischen aufgewiesen. In der gesamten Entwicklung der indogermanischen Sprachen zeigt sich ferner, daß das Pronomen der dritten Person von dem entsprechenden Demonstrativpronomen seiner Form nach nicht zu trennen ist. Wie französisch il auf lateinisch „ille“ zurückgeht, so entspricht got. is (= nhd. er) dem lateinischen is – und auch bei den Ich-Du-Pronomina der indogermanischen Sprachen ist vielfach der etymologische Zusammenhang mit den hinweisenden Fürworten unverkennbar[2]. Genau entsprechende Beziehungen finden sich im Kreise der semitischen und altaischen Sprachen[3], sowie in den Eingeborenensprachen Nordamerikas und Australiens[4]. Die letzteren aber weisen nun einen weiteren höchst bezeichnenden Zug auf. Von einzelnen Eingeborenensprachen Süd-Australiens wird berichtet, daß sie, wenn sie irgendeine Handlung in der dritten Person aussagen, sowohl dem Subjekt als dem Objekt dieser Handlung ein räumlich-qualifizierendes Kennzeichen anheften. Soll etwa gesagt werden, ein Mann habe einen Hund mit einem Wurfholz geschlagen, so muß der Satz so gefaßt werden, daß er vielmehr besagt, der Mann „da vorn“ habe den Hund „da hinten“ mit dieser oder jener Waffe geschlagen[5]. Hier gibt es mit anderen Worten noch keine allgemeine und abstrakte Bezeichnung des „Er“ oder „Dieser“, sondern das Wort, das hierfür zum Ausdruck dient, ist noch mit einer bestimmten deiktischen Lautgebärde verschmolzen,


  1. [1] G. v. d. Gabelentz, Die Sprachwissenschaft, S. 230 f.
  2. [2] Näheres s. bei Brugmann, Demonstrativpronomen, S. 30 ff., 71 f., 129 f. und Grundriß ² II, 2, S. 307 ff., 381 ff.
  3. [3] Für die semitischen Sprachen s. Brockelmann, Grundriß I, 296 ff., sowie Kurzgefaßte vergl. Grammat. der semit. Sprache, Berlin 1908, S. 142 ff.; Dillmann, Äthiop. Grammat., S. 98; für die altaischen Sprachen s. z. B. Grunzel, vergl. Grammat. der altaischen Spr., S. 55 ff.
  4. [4] Vgl. Gatschet, Klamath language, S. 536 f., Matthews, a. a. O., S. 151.
  5. [5] S. Matthews, Languages of the Bungandity Tribe in South Australia (J. and Proc. of the Roy. Soc. of N. S. Wales XXXVII (1903), S. 61).
Empfohlene Zitierweise:
Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 165. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/181&oldid=- (Version vom 22.5.2020)