Seite:Philosophie der symbolischen Formen erster Teil.djvu/91

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Die Lehre von der Definition nimmt damit dem Rationalismus gegenüber eine neue Wendung. Der Gegensatz von Nominaldefinition und Realdefinition, von Worterklärung und Sacherklärung fällt weg: denn jede Definition kann nur beanspruchen, eine Umschreibung des Namens des Dinges, nicht eine Darstellung seines ontologischen Bestandes und seiner ontologischen Konstitution zu sein. Denn nicht nur ist uns die Natur jedes Wesens im besonderen unbekannt, sondern wir können auch mit dem allgemeinen Begriff dessen, was ein Ding an sich selbst sein soll, keine bestimmte Vorstellung verbinden. Der einzige Begriff der „Natur“ eines Dinges, mit dem wir einen klaren Sinn verknüpfen können, hat keine absolute, sondern eine nur relative Bedeutung; er schließt eine Beziehung auf uns selbst, auf unsere seelische Organisation und unsere Erkenntniskräfte in sich. Die Natur eines Dinges bestimmen heißt für uns nichts anderes, als die einfachen Ideen zu entwickeln, die in ihm enthalten sind und die in seine Gesamtvorstellung als Elemente eingehen[1].

So scheint diese Grundansicht, ihrem Ausdruck nach, freilich wieder zu der Leibnizischen Form der Analyse und zu der Leibnizischen Forderung eines allgemeinen „Gedankenalphabets“ zurückzulenken – aber hinter dieser Einheit des Ausdrucks verbirgt sich ein scharfer systematischer Gegensatz. Denn zwischen beiden Auffassungen der Sprache und der Erkenntnis steht nun der entscheidende geistige Bedeutungswandel, der sich im Terminus der „Idee“ selbst vollzogen hat. Auf der einen Seite wird die Idee in ihrem objektiv-logischen, auf der anderen in ihrem subjektiv-psychologischen Sinne gefaßt; auf der einen Seite steht ihr ursprünglicher Platonischer, auf der anderen Seite ihr modern-empiristischer und sensualistischer Begriff. Dort bedeutet die Auflösung aller Inhalte der Erkenntnis in ihre einfachen Ideen und deren Bezeichnung den Rückgang auf letzte und allgemeingültige Prinzipien des Wissens; hier steht sie für die Ableitung aller komplexen geistigen Gebilde aus den unmittelbaren Gegebenheiten des inneren oder äußeren Sinnes, aus den Elementen der „Sensation“ und „Reflexion“. Damit aber ist auch die Objektivität der Sprache, wie die der Erkenntnis überhaupt, in einem ganz neuen Sinne zum Problem geworden. Für Leibniz und für den gesamten Rationalismus ist das ideelle Sein der Begriffe und das reale der Dinge durch eine unlösliche Korrelation verknüpft: denn „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ sind in ihrem Grund und in ihrer letzten Wurzel


  1. [1] Vgl. hierzu bes. d’Alembert, Essai sur les éléments de philosophie ou sur les principes des connoissances humaines, sect. IV.
Empfohlene Zitierweise:
Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 75. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/91&oldid=- (Version vom 28.11.2021)