Seite:Proehle Rheinlands Sagen und Geschichten.djvu/140

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fortgeschleppt. Es schien ihm aber, als kämen sie tief in einen Wald hinein, denn der Weg wurde etwas rauh, und man stolperte hin und wieder über eine Wurzel.

Endlich traf man mit einer Kutsche zusammen.

Der Scharfrichter hörte, wie sie stille hielt, und gleich darauf wurde er hineingeschoben.

Neben ihm nahmen mehrere Männer platz, der Scharfrichter bekam einige Rippenstöße und glaubte sogar zu fühlen, daß er mit Flintenkolben gestoßen würde.

Die Fahrt dauerte sehr lange. Zuweilen wurde auf kurze Zeit angehalten, wobei mehrmals neue Pferde vorgespannt wurden.

Öfters schlief der Scharfrichter vor Erschöpfung ein. Endlich aber wurde er aufgeweckt mit den Worten: „Gott sei Dank, da sind wir! Nun mach Dich auf die Beine, Fritz!“

Dem Scharfrichter wurde die Binde abgenommen. Er glaubte erst wieder aufzuleben, als er den grünen Rasen betrat und die Sonne zwischen den Eichen durchblicken sah.

Am Abende war er auf der Straße nach Coblenz niedergeworfen worden, und als die Nacht hereingebrochen war, mochte die Kutsche herangekommen sein. So war er also die ganze Nacht hindurch gefahren, und nun stand die Morgensonne am Himmel.

Die Pferde wurden ausgespannt, und die Gesellschaft lagerte sich im Kreise zu einem Frühmahle. Der Scharfrichter ließ sich das dargebotene kalte Fleisch vortrefflich schmecken. Ganz besonders aber sprachen alle dem trefflichen Weine zu, welcher ihnen eingeschenkt wurde.

Der Scharfrichter war am meisten zum Trinken genötigt worden, und zu ihm sprach endlich der Anführer der nächtlichen Fahrt, der ihm schon auf dem Wege nach Coblenz zugesprochen hatte: „Fritz, nun will ich Dir auch sagen, weshalb wir Dich hierher geschleppt haben. Du sollst einen Verbrecher vornehmen Standes, welcher nicht gut öffentlich bestraft werden kann, einen Kopf kürzer machen.“

„Was?“ rief der Scharfrichter, „ich weiß, was ich thun darf und was ich unterlassen muß. Mit solchen Dingen müßt Ihr mir vom Halse bleiben. Haltet Ihr mich denn für einen Mörder?“

Empfohlene Zitierweise:
Heinrich Pröhle: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten. Tonger & Greven, Berlin 1886, Seite 129. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Proehle_Rheinlands_Sagen_und_Geschichten.djvu/140&oldid=- (Version vom 1.8.2018)