Seite:Ramdohr-Venus Urania-Band 3.1.djvu/331

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Zwölftes Kapitel.
Properz.

Tibull scheint gedichtet zu haben, weil er liebte: Properz scheint geliebt zu haben, weil er dichtete. Ich bin zweifelhaft, ob des letztern Cynthia eine wirkliche Person gewesen sey; aber beynahe gewiß, daß viele Gefühle, die er vorgiebt, für sie gehegt zu haben, erlogen sind. [1] Properz besaß viel Lüsternheit des Körpers und der Seele: viel Eitelkeit, viel Imagination, aber wenig Herz. Seine Gefühle sind angelernt, ausgedacht: er hatte Witz; aber er besaß keine Zärtlichkeit.

Ich finde wenig Situationen im Properz, die den Charakter individueller Wahrheit an sich tragen. Die wenigen, welche damit gestempelt sind, zeugen nicht für Zärtlichkeit, und können ihm mit jedem Mädchen, bey einer bloß auf sinnlichen Genuß oder Unterhaltung abzielenden Verbindung, begegnet seyn. [2] Und selbst, wenn er diese darstellt, schildert er mehr die äußern Nebenumstände, als die innern Empfindungen, die ihn belebt haben.

Es kann uns nicht irre machen, wenn einzelne Stellen im Properz von Leidenschaft, Aufopferung und Treue zeugen: wenn er sein Glück und sein Unglück nur


  1. Elegie 7. im ersten Buche v. 5. Elegie im zweyten B. scheinen mir zum Beweise zu dienen, daß Properz ein Mädchen hatte, weil – ein Elegiendichter eins haben muß.
  2. Elegie 3. im ersten Buche. Eine ähnliche individuelle Situation findet man im vierten Buche in der 8ten Elegie, die aber noch weniger für seine Treue und Zärtlichkeit beweiset.