Seite:Ramdohr-Venus Urania-Band 3.2.djvu/198

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9) Er lebe nur in Derjenigen, die er anbetet, und in sie verwandelt, ehre und liebe er nur dasjenige, was sie ehrt und anbetet.

10) Er sehe alle Tage, die er entfernt von ihr zubringt, für verloren an, und er sey im Geiste bey ihr, wenn er körperlich von ihr getrennt ist.

11) Bey allen seinen Qualen, bey allen seinen Leiden erwarte er keine andere Belohnung, als allein die Ehre, zu lieben.

12) Nie stelle er sich die Möglichkeit vor, daß seine Leidenschaft endigen könne. Ein solcher Gedanke wäre Verrath an der Liebe. [1]

Nach dem Geiste dieser Gesetze handeln die hervorstechenden Liebhaber in diesem Werke, während daß ihre Damen bey der stärksten Leidenschaft im Herzen ihnen mit dem sprödesten Stolze begegnen.

Der Kampf der Neigung mit den Pflichten, welche das Gefühl der Selbstwürde und der Anstand dem zärteren Geschlechte auflegen; die Zartheit, womit das stärkere seine Wünsche äußert; geben den Darstellungen der Liebe in diesem Romane einen Reitz, der den früheren größtentheils unbekannt war. Zu gleicher Zeit trägt die engere Verbindung unter den Geschlechtern zur Unterhaltung bey größeren Zusammenkünften bey, und wenn gleich der gesellige Ton noch nicht das Ungezwungene und die Biegsamkeit zeigt, die er in späteren Zeiten erlangt hat; so ist er doch in Vergleichung


  1. L’Astreé de Mr. d’Urfé à Paris 1733. T. II. p. 189.