Seite:Ramdohr-Venus Urania-Band 3.2.djvu/229

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

können. Wenn aber äußere Umstände, oder gar Mangel an Gegenliebe, eine völlige Vereinigung hemmen; so bleibt dem Liebhaber in seiner unglücklichen Liebe dennoch ein Genuß übrig. Petrarka drückt dieß so aus: „Hoffnung und Liebe nisten sich zusammen im Herzen ein. Aber wenn auch jene verschwindet, so bleibt doch diese zurück!“

Diese Liebe des unerhörten Liebhabers bildet sich dann die Person des Geliebten und alle seine wirklichen und möglichen Verhältnisse unter den schönsten Gestalten. Schon diese Beschäftigung der Imagination ist ein geistiger Genuß. Aber er wird dadurch noch mehr vergeistiget, daß diese Formen wieder Bilder unsinnlicher Vorzüge, ja! des höchsten aller Wesen erwecken. Man ahnet daher aus einem schönen Körper eine schöne Seele: man bewundert den Schöpfer in dem Schönsten, was man auf der Welt sieht. Das Herz wird dadurch zur Anbetung gegen ein so vollkommenes Wesen, und zur fernern Nacheiferung seiner Tugenden aufgefordert. Ob der Liebhaber gleich auf Gegenliebe nicht mehr Anspruch machen darf; so strebt er doch noch dahin, die Geliebte mit einem Bilde seines Wesens zu erfüllen, das demjenigen gleich sey, was er von ihr in seinem Herzen trägt. Sein Ruf, seine Tugenden, sollen ihn ihr interessant machen, und indem sie sich sagen kann: durch mich ist er dasjenige geworden, was er ist, soll sie fühlen, daß er würdig sey, von ihr geliebt zu werden, wenn gleich Pflicht und Anstand ihr verbieten, diese Gesinnungen in diesem Leben zu entdecken. In einem künftigen sind sie dann sicher, frey von allen Banden, die hier ihre verschwisterten Seelen trennten, auf immer vereinigt zu werden.