Seite:Ramdohr-Venus Urania-Band 3.2.djvu/315

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Beymischung sinnlicher Freuden das schöne Bild und den Genuß der Seele zu beflecken. Die Versagungen, die man sich hierunter auflegt, erhöhen uns noch vor unsern Augen. Inzwischen früh oder spät gewinnen doch die Sinne die Oberhand, und mit diesem Siege, oder wenigstens mit dem ungestörten Besitze der Person, endigt die Begeisterung. Darum muß dieser Zeitpunkt so sehr als möglich entfernt werden. „Wenn ich meinen Emil den höchsten Gipfel des Glücks erreichen lasse, sagt R., so zerstöre ich den Zauber. Es ist unendlich viel süßer, den letzten Genuß zu hoffen, als ihn zu erhalten. Sein Reitz besteht hauptsächlich in der Erwartung. Darum, guter Emil, liebe, und werde geliebt! Genieße lange, ehe du besitzest! – – Ach! dieser Zauber muß bald aufhören; aber er soll dir wenigstens immer in der Erinnerung theuer bleiben!“

Eben so drückt er sich auch in der Anrede an den Emil selbst aus. „Das Glück der Sinne ist vorübergehend: allemahl verliert das Herz dabey. Du hast unendlich mehr in Hoffnung genossen, als die Wirklichkeit dir gewähren kann. Die Einbildungskraft, welche den Gegenstand während der Begierde schmückt, erkaltet bey dem Besitze. Außer dem einzigen Wesen, das für sich existiert, giebt es nichts Schönes, als dasjenige, was nicht wirklich ist.“ –

Dieß war Rousseau’s moralische, auf der Einrichtung unserer bürgerlichen Verfassung beruhende Liebe in ihrer edlern Gestalt. Nun urtheile man, ob das wahre Liebe, Liebe des Herzens war!