Seite:Spiegel Maerchen aus Bayern.djvu/10

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
6. Die Königstochter zum goldenen Berge.
(Unterfranken: Birkenfeld b. Marktheidenfeld).

Drei desertierte Soldaten gingen in eine Wildnis hinein. In dieser Wildnis stand ein Schloß. Die Fallbrücke war aber aufgezogen. Als sie so beim Schlosse stehen blieben und es betrachteten, gab sich die Fallbrücke herunter. Sie gingen darüber und in das Schloß hinein und gelangten in die Stube. Hunger und Durst hatten sie auch, darum zogen sie den Tischkasten auf; es lag aber nur ein Kartenspiel darinnen und darauf stand geschrieben: Niklös. Da sagten sie zu einander: „Für unsern Hunger und Durst wollen wir einmal karten.“ Als sie anfingen zu karten, kam so ein altes Männlein hinein und frug, was ihr Begehren sei? Sie antworteten ihm, sie hätten Hunger und Durst, und weil sonst nichts da sei, so wollten sie karten. Da sagte das Männlein, Essen könne er ihnen keines geben, aber Geld könnten sie haben, so viel sie wollten. Er führte sie darauf in die Silbergrube. Sie steckten ein, soviel sie konnten. Dann führte er sie in die Goldgrube. Da warfen sie das Silber weg und steckten dafür Gold ein. Zuletzt führte er sie zu den Edelsteinen. Nun warfen sie das Gold weg und packten Edelsteine ein. Als sie fertig waren, sprach das alte Männlein: „Jetzt habt ihr soviel als eine ganze Stadt Währschaft hat, kommt aber nicht mehr.“

Die Soldaten gingen nun wieder gegen ihre Heimat zu und hielten alle Tage Ball. Es ging aber ihr Geld doch zu Ende. Da hielten sie Rat und beschlossen, wieder zum Schlosse zu gehen und führten den Entschluß auch richtig aus. Als sie hinkamen, war die Fallbrücke wieder hinaufgezogen. Nachdem sie ein wenig dagestanden waren, ging der Verschlag, die Fallbrücke, herunter. Sie gingen hinein, zogen den Tischkasten auf und taten die Karten heraus. Als sie diese heraus getan hatten, kam das alte Männlein wieder und sagte: „Hab’ ich es euch nicht gesagt, daß ihr nimmer kommen sollt? Jetzt muß einer da bleiben.“ Die drei Soldaten losten untereinander und der, den das Los traf, blieb da. Die anderen steckten soviel Edelsteine ein, als sie konnten und gingen auf die Heimat zu. Zu dem, der dableiben mußte, sagte das Männlein, jetzt müsse er Jahr und Tag am Falltor Schildwache stehen. Die Zeit vergehe ihm aber schnell; sobald es ihn hungere, sei sie herum. Das war richtig so. Als ihm der Hunger kam, war die Zeit herum und er ging ins Schloß zurück. Das Männlein wies ihm ein Zimmer an und sagte, in dem Zimmer müßte er drei Nächte liegen. Dabei sah der Soldat unter der Bodenstiege drei Schwäne sitzen. Das Männlein sagte noch, in der ersten Nacht, die er in dem Zimmer zubringe, kämen Männer, die fragen würden, wie viel Schläge er haben wolle? Und da solle er sagen: einen Schlag. Sie würden ihm wohl mehr anbieten, er aber solle nicht mehr sagen als einen Schlag. Nachts um 11 Uhr kamen sie auch und frugen, wie viele Schläge er haben wolle? Da sagte er: „Einen Schlag.“ Sie sprachen, er müßte mehr annehmen. Er aber blieb dabei, nicht mehr als einen Schlag nehmen zu wollen. Um 12 Uhr verließen ihn die Männer. Als

Empfohlene Zitierweise:
Karl Spiegel: Märchen aus Bayern. Selbstverlag des Vereins für bayrische Volkskunde und Mundartforschung, Würzburg 1914, Seite 8. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Spiegel_Maerchen_aus_Bayern.djvu/10&oldid=- (Version vom 1.8.2018)