Seite:Sponsel Grünes Gewölbe Band 1.pdf/38

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in den Werken aus Metall allein. Die Beobachtung dieser Entwicklung ist manchmal die interessantere, denn diese bietet jedenfalls mehr Mannigfaltigkeit dar, als die der lediglich den Metallformen gewidmeten Erfindung. Sie bleibt auch nicht auf die ästhetische Bewertung der Formen beschränkt. Das Steingefäß oder die Naturform ist jedesmal der wichtigste Teil, der die Form des Ganzen bestimmt hat. Der Goldschmied sucht seine Aufgabe darin, diesem Gefäß in seiner schon fertig ihm überlieferten Form eine dessen Wert entsprechende würdige Fassung zu geben. Nur in seltenen Fällen wird es vorkommen, daß der Goldschmied von vornherein den Entwurf schon hergestellt hat und hierzu dann erst dem Stein die hierfür nötige Form geben läßt oder selbst gibt oder die Naturform dazu aussucht. Manchmal ist diese Fassung nur auf den Rand, den Henkel oder Fuß beschränkt, wie bei einer Gruppe von Humpen aus Achat u. a. in dem Schatz von S. Marco in Venedig. Es gibt aber auch schon im frühen Mittelalter Stücke, bei denen das Steingefäß einen Teil der schon üblichen Form des Kelchgefäßes bildet, so bei dem Kelch im Museum in Stockholm, der im Dreißigjährigen Krieg dorthin gelangte. Zu allen Zeiten aber hat der Goldschmied seine Metallbearbeitung gern verbunden mit den Formen edler Steinarten, und zu allen Zeiten haben auch die Sammler von Werken der Goldschmiedekunst nicht ausschließlich Werke aus Metall zu erwerben gesucht. So wissen wir von dem Bischof Bernward von Hildesheim (992–1022), der selbst eine klösterliche Goldschmiedewerkstatt leitete, daß er sich mehrere Kelche verschaffte, einen aus Onyx, einen aus Kristall und einen aus reinem Gold. So können wir auch noch aus den von Marc Rosenberg 1920 veröffentlichten Werken eines der ersten deutschen Meister der Renaissance, Wenzel Jamnitzer, ersehen, daß auch er Gefäße aus edlen Steinen mit Metallfassung zu verbinden und zu einem vollendeten Ganzen zu bilden suchte, derselbe Meister, der für die Meisterstücke der Goldschmiede die Herstellung eines reinen Metallbechers, „des Akeleibechers“, einführte.

Wer das Grüne Gewölbe durchwandert in, sagen wir, kenntnisloser und voraussetzungsloser Betrachtung der dort zur Schau gestellten Dinge, ohne ein gewisses Maß von Wissen und Vorstellung davon, wie die einzelnen Stücke entstanden sind, welche Summe von technischen Fertigkeiten dazu gehörte, sie herzustellen, welche Erwägungen bei der Auswahl und Zusammensetzung der Stoffe vorausgingen, welche Bedingungen bei ihrer Verwendung