Seite:VonSchlippenbachMalerischeWanderungenDurchKurland.pdf/20

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Rande über die Wellen des Baches erheben. Man übersieht in ziemlicher Strecke aus dem Wohnhause den in der tiefen Kluft fortziehenden Bach, der mehrere kleine Wasserfälle hat, und dessen sanftes Gemurmel man wie einen ernsten Festgesang der Natur vernimmt, in welches, wenn die Erde im Frühling ihr Wiegenfest feyert, und ihr die Gottheit dann ein neues schönes grünes Gewand zum Angebinde schenkt, die Chöre der Nachtigallen einfallen, – dann leuchtet das Johanniswürmchen und der Mond blickt mit getrennten Strahlen durch das Laub, und einzelne Silberflocken streut sein gebrochener Schein auf den Bach. Zuweilen rauscht ein sanfter West durch die Gipfel der großen Bäume, und trägt Blüthendüfte und Nachtigallentöne vereint in jedem Lufthauche herüber. Wie oft habe ich diese Wiegenfeste der Natur und zugleich das meinige, mit den Schlägen eines gerührten Herzens und mit Freudenthränen an der Seite meiner verewigten Mutter gefeyert. Ach! warum mußte ein Tag kommen, der mit einem Male für mein ganzes

Empfohlene Zitierweise:
Ulrich von Schlippenbach: Malerische Wanderungen durch Kurland. C. J. G. Hartmann, Riga und Leipzig 1809, Seite 9. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:VonSchlippenbachMalerischeWanderungenDurchKurland.pdf/20&oldid=- (Version vom 9.9.2019)