Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage).pdf/35

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herrlich von dem Aufgang des ewigen Morgensterns Jesus Christus, und war doch ein reißender Wolf, welchen der Zorn des Höchsten verzehrte. (4. Mos. 31, 8.) – Weissagen heißt aber in der heiligen Schrift auch manchmal predigen. Die Predigtgabe ist also auch kein sichres Kennzeichen eines frommen Predigers. Wenn einer noch so schön, noch so christlich predigt, wenn Christus sein A und sein O ist, wenn er, wie man sagt, mit Salbung, mit einer gewissen himmlischen Kraft und mit einem Ansehen predigt, dem sich nicht widersprechen läßt, – wenn er die Schrift erklärt, als wäre er dabei gewesen, wenn er aus jedem Wort die treffende Vermahnung, die passende Lehre zu ziehen weiß, – wenn ihm auf allen seinen Tritten der Segen seiner Zuhörer folgete und das Volk in seiner Nähe wie von einem Schauer der Ehrerbietung ergriffen würde: – was ist alles das? Betrüglich Ding! Es kann Schafpelz seyn, und ist es hundertmal gewesen!

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 c. Sey’s drum! Fahr hin, Weissagung! Fahr hin, du edles Gut der Predigtgabe! du bist zu verschmerzen. Aber das ist erschrecklich, daß Viele an jenem Tage zu dem Herrn sprechen werden: „Haben wir nicht in Deinem Namen Teufel ausgetrieben? Haben wir nicht in Deinem Namen viele Thaten gethan?“ – und Er doch antworten wird: „Weichet alle von mir, ihr Uebelthäter!“ Großer Gott! wie ist der Mensch gefallen, daß selbst die Wundergabe ihm zum Verderben dienen kann! Wie einer mit seinem Munde allerlei aufbringt, was er bei allem Schein und Eifer doch nicht glaubt, – wie er mit seinem Munde zu Jesu nahen und Ihn bekennen und mit dem Herzen ferne von Ihm seyn kann, – das ist, so schlimm es ist, begreiflich und gewiß; auch hab’ ich’s an mir selber oft genug erfahren. Aber daß ein Mensch Macht über böse Geister, Macht über die Elemente haben soll, – daß er herumgehen, den Elenden Hülfe, den Kranken Genesung, den Kummervollen fröhliche Angesichter verleihen – und