Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage).pdf/91

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des Kindes in Bethlehem so hoch, warum feiert man Seine Geburt höher, als alle Geburtstage der Könige auf Erden? Ist’s nicht darum, daß dies zarte Kind Gottes Lämmlein war, welches der Welt Sünden trug? Sein versöhnendes Leiden für uns macht Seine Geburt so freudenreich! Wäre Er nicht für uns gestorben, so würden wir Ihm keine Feste feiern, daß Er geboren ist. Im Glanze des Kreuzes leuchtet das Kripplein zu Bethlehem in die ganze Welt hinaus. Darum werde Sein Leiden gepredigt vor Seinem Geburtsfest, auf daß Jedermann lerne, warum er sich an Weihnachten freuen müsse.

 Es ist indeß alte Sitte der Kirche, nicht allein am vierten Sonntag des Advents über Jesu Ankunft in’s Herz der Menschen zu predigen, sondern diese Ankunft in’s Herz allezeit und in jeder Predigt zu loben und zu preißen. Denn es hilft ja keine and’re Ankunft des Herrn, wenn Er nicht auch die Herzen der Menschen heimsucht. Der Christus, welcher für uns litt, für uns zu leiden heute in Jerusalem einzog, muß auch Christus in uns werden durch den Glauben, unser Christus muß Er werden, – in uns muß Er Wohnung machen, auf daß Er unser Christus sey. – Darum erlaubt mir, in der nachfolgenden Predigt von Jesu Ankunft zum Leiden und in’s Herz des Menschen etwas zu reden. Gott erbarme sich und helfe uns zu einer gesegneten Betrachtung! Amen.

 1. Er kommt nach Jerusalem zu Seinem Leiden. An dem Tage, an welchem Er einritt, war einst Josua durch den Jordan gegangen: an ihm fing Jesus an, sich zum Durchgang durch den Jordan des Todes anzuschicken. An demselben Tage, sechs Tage vor Ostern der Juden, mußte man die Osterlämmer aussondern: an Ihm wurde auch unser Osterlamm ausgesondert. Er wußte, was es Ihm galt, darum ritt Er so ernst unter den Lobgesängen Israels den Oelberg hinab, hinein in die Stadt, welche die Propheten getödtet hatte und auch Ihn tödten wollte. Er