Seite:Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin IV.djvu/133

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Transport überfallen, sondern auch den unter russischer Botmäßigkeit stehenden Stamm der Dulat rein ausgeplündert. Zur Vergeltung war im August desselben Jahres ein russischer Streifzug in das zuvor nie betretene Thal des Tschu, die damalige Weidestätte der Ssara-Bagisch, ausgeführt worden und hatte erwünschten Erfolg gebracht, d. h. es waren eine Anzahl Feinde getödtet und verschiedene Heerden ihres Viehes weggetrieben worden, – freilich nicht ohne einige Verluste, da die anfangs überraschten Steppenbewohner sich ermannt und ihre Gegner auf dem Rückmarsche durch die unbekannten Defilé’s am Ssuok-Tübbe angegriffen hatten. Seitdem war etwa ein Monat verflossen, und der Kommandant zu Wärnoje wünschte zu erfahren, welchen Eindruck der jüngste Rachezug auf die Ssara-Bagisch gemacht, und wie überhaupt die Verhältnisse am Tschu ständen. Es sollte also eine „friedliche“ Recognoscirung, natürlich mit militärisch ausreichenden Kräften (einer halben Ssotnie Kosaken), dahin veranstaltet werden, und die Führung derselben wurde Ssemenof angetragen, der sie, wie natürlich, mit Freuden annahm.

Am 3. October (neuen Stils) 1856, früh 10 Uhr versammelte sich das kleine Expeditionscorps auf dem Marktplatze zu Wärnoje vor der im Bau begriffenen Kirche; es wurde nach russischer Sitte eine Messe gelesen und Weihwasser gespendet, dann setzte sich der Zug, verstärkt um die nöthigen Lastpferde und Kameele, geleitet von kirgisischen Wegweisern, in Bewegung. Die Reise ging westwärts, immer am Fuße des in Wolken gehüllten Alatau, der vorerst links liegen blieb, um später an geeigneter Stelle überschritten zu werden. Das Wetter war warm und trübe, bald fiel Regen. So waren etwa vier Meilen zurückgelegt, Ssemenof ritt mit 2 Kosaken um eine halbe Werst dem Zuge voran, der ein melancholisches Lied sang, da wurde plötzlich von vorn ein furchtbares Schreien vernehmbar. Rasch sprengte der Reisende mit seinen Begleitern einen Hügel hinan, und ein unerwartetes Schauspiel bot sich seinen Blicken dar. Eine Schaar kirgisischer[WS 1] Reiter suchte in aller Hast aus einem Haufen schreiender und gesticulirender Menschen herauszukommen und jagte spornstreichs davon. Der zurückgelassene Haufen von Menschen und Thieren befand sich in einem malerischen Durcheinander auf dem Abhange eines andern Hügels. Einige Kameele lagen auf der Erde, andere standen ohne Last da, hier waren einige Pferde zusammengekoppelt, dort liefen andre frei umher, ihrer Last entledigt, oder es war diese theilweise aufgebunden. Von den 10 Ssarten (Kaufleuten aus Taschkend), welche die Karawane bildeten, lagen zwei gebunden am Boden, ein Graubart auf den Knieen, andere liefen halbentkleidet ihren Rettern entgegen. Obwohl die Dolmetscher hinten beim Zuge waren, konnte die Scene

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: kirgischer
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Vierter Band. Dietrich Reimer, Berlin 1869, Seite 117. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zeitschrift_der_Gesellschaft_f%C3%BCr_Erdkunde_zu_Berlin_IV.djvu/133&oldid=- (Version vom 1.8.2018)