Seite:Zerstreute Blaetter V.djvu/255

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

langen Seil gesponnen, und nach Handwerksgebrauch verdrehet. Viele ihrer Melodieen sind zum Einschlafen; die schönste Sage, das niedlichste Mährchen wird ein Handwerkslied, so trödelhaft, daß es weder Gesellen noch Kinder singen mögen.

Und sie haben viel Schaden gethan, diese langweiligen Meistergesänge. Alle Gesangbücher wurden damit angesteckt: die Flickwörter, Flicksylben, jedes Yah der Meister gieng unvermerkt insonderheit in die geistliche Poesie über. Ich weiß wohl, daß man von dieser Seite die Sache nicht hat betrachten mögen; meine Behauptung ist aber wahr und läßt sich aus der Geschichte erweisen. Die älteste Poesie der Deutschen war kurz, die Lieder der Kirchenväter kurz und bündig; das Trödeln kam von den Handwerksstühlen her, und wie konnts auch anders? Ein Mann ohne Gedanken und Känntnisse soll lange Weisen ausfüllen! Ein Mann ohne große, geschweige außerordenliche Empfindungen soll neue Weisen erfinden

Empfohlene Zitierweise:
Johann Gottfried Herder: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung). Carl Wilhelm Ettinger, Gotha 1793, Seite 239. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zerstreute_Blaetter_V.djvu/255&oldid=- (Version vom 1.8.2018)