Seite:Zerstreute Blaetter V.djvu/331

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Die heilige Stimme spricht vom Himmel herab; sie ist Gottes Stimme und nicht der Menschen; weh ihr, wenn sie, um sich sichtbar zu machen, ein theatralisches Gewand anleget! Diese Unsichtbarkeit, wenn ich sie so nennen darf, erstreckt sich bis auf die kleinsten Anordnungen und Verhältniße der geistlichen Tonkunst. Eine Arie, ein Duett oder Terzett, das einzeln glänzet, jede Sylbe, in welcher der Dichter oder Künstler spricht, um sich zu zeigen, schadet der Wirkung des Ganzen und wird dem reinen Gefühl unausstehlich. Dramatische und Kirchenmusik sind von einander beinahe so unterschieden, wie Ohr und Auge.

Hieraus ergiebt sich aber auch, daß Eine die Andre nicht schmähen, oder verachten sollte: denn sie sind und bleiben, obwohl sehr ungleiche, Schwestern. Es war Natur der Sache, daß aus der Kirchenmusik dramatische Musik entstand, so wie bei den Griechen aus dem Chor und Dithyramb die Tragödie ward, und diese in natürlichen

Empfohlene Zitierweise:
Johann Gottfried Herder: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung). Carl Wilhelm Ettinger, Gotha 1793, Seite 315. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zerstreute_Blaetter_V.djvu/331&oldid=- (Version vom 1.8.2018)