Seite:Zerstreute Blaetter V.djvu/55

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Die Waage.


Menschen haben die böse Gewohnheit, daß wenn sie jemand lieben, sie alles, auch die unnützesten Kleinigkeiten an ihm bewundern; hassen sie ihn, so wird auch das Lobwürdige an ihm getadelt.

Diesem Uebel wollte die Königin der Sitten, die Philosophie, steuren. Im Vorhofe der Vernunft ward also eine Waage aufgehängt, deren Eine Schaale das Gute, die andre das Böse wägen und durch das Uebergewicht der Einen oder der andern Lob oder Tadel bestimmt werden sollte. Der geschickteste Waagekünstler, Archimedes, ward zum Aufseher darüber gesetzt, damit ja kein ungerechtes Pöbelurtheil aufkommen, und einen Unschuldigen drücken könnte.

Alle diese Sorgfalt der Philosophie fruchtete wenig. Die Menschen konnten nicht dahin gebracht werden, zu loben, wen sie sich vorgenommen

Empfohlene Zitierweise:
Johann Gottfried Herder: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung). Carl Wilhelm Ettinger, Gotha 1793, Seite 39. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zerstreute_Blaetter_V.djvu/55&oldid=- (Version vom 1.8.2018)