Selbstbeherrschung des Dampfes

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Titel: Selbstbeherrschung des Dampfes
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 336–337
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Selbstbeherrschung des Dampfes.


Das viele Maschinenwesen macht uns Menschen und unsere Zustände nüchtern und prosaisch, einförmig, herzlos und was nicht Alles außerdem. So sagt man und so sagen’s Andere nach. Aber ’s wird wohl nicht ganz richtig sein damit, halt’ ich. Wie man seine Sünden gern andern Leuten oder Verhältnissen außerhalb (Richard III. in Shakespeare sogar den Sternen) aufbürdet, benutzen wir auch wohl die Gelegenheit, die sich uns in Tausenden von Maschinen und Dampfschlotten bietet, etwas von der Verantwortlichkeit für unsere Rechnungsfehler, Herzkrankheiten, Langweiligkeit und moralische Kurzathmigkeit los zu werden. Gewiß ist, daß uns die Maschinen mit den vielen unermüdlichen, keinen Hafer fressenden Dampfpferden ungeheuer viel grobe Arbeit sparen, so daß wir Zeit für feinere und Selbstpolitur bekommen. Andererseits sind diese Maschinen selbst nicht so geistlos, wenigstens nicht so geisttödtend, als sie dem durch Gewohnheit Abgestumpften erscheinen. Der Müller wacht auf, wenn die Mühle nicht mehr klappert. Es mag sein, daß die Allgegenwart, Unermüdlichkeit und das Einerlei der schnaubenden und donnernden Dampfmaschine uns einschläfert, und wir vielleicht mit allen Sinnen und Talenten aufwachen und alle Hände voll zu thun bekommen würden, wenn diese Maschinen alle auf einmal still ständen, sehr wahrscheinlich auch, um unter dieser Arbeit wie überbürdete Lastthiere zusammenzubrechen. Diese Dampfpferderücken brechen aber nicht; ihre Kraft, Unermüdlichkeit und Zuverlässigkeit, womit sie die Arbeiten von Millionen gebrechlicher Menschen verrichten, berechtigt uns aber nicht, ihnen die Fehler und Gebrechen unserer eigenen Scrophulosität aufzubinden. Wenn wir uns neben der Maschine langweilen, sind wir just um so mehr Schuld, da wir – ich wette zehn gegen eins – ohne dieselbe wahrscheinlich nie in den Fall kommen würden, Zeit und Weile zu haben, Zeit zum Nachdenken, Gelegenheit zum Lernen und Leben, Mittel und Geschmack, die tausenderlei wohlfeilen Arbeiten der Maschinen zu kaufen und so unser Leben interessanter, schöner, inhaltvoller und kurzweiliger zu machen.

Also kommt am Ende das Gegentheil heraus: die Maschinen spielen stets mit einem Reichthume von angewandter Mathematik und Naturwissenschaft und sind weder langweilig, noch verbreiten sie Langeweile, indem sie uns Zeit sparen, also Zeit geben, d. h. Muße und auch Muse, abgesehen davon, daß sie Lebens- und Genußmittel gleichsam spielend aus den Aermeln schütteln. Welch ein stolzer Anblick, wenn die Dampfmaschine mit Hunderten von Pferdekräften und gehorsam wie ein Kind, ihre eisernen Glieder schwingt, und ihre geölten Zapfengelenke geschmeidiger gymnasticirt, als der bewundertste Jongleur! Seitdem ich nun auch eine Art von Selbstcontrole in einem solchen Ungeheuer kennen gelernt habe, kommt mir dieser Dampfriese nicht blos göttermächtig, sondern auch übermenschlich weise vor.

Ich lernte den ersten sich selbst controlirenden Dampftitan indem langweiligen Norwich als Garnspinner kennen. Der Herr, für den Hercules mit hundert Pferdekräften spinnt, heißt Mr. Blake, dem ich größtentheils verdanke, was ich hier über den interessanten Selbst-Controlir-Apparat mitzutheilen habe.

Ich sah ihn arbeiten am Tage, spät in der Nacht, immer noch am folgenden Morgen, stets unverdrossen, heiter, leicht, ohne Spuren von Erschlaffung und jedes zu Wenig oder zu Viel von Dampfkraft selbst ausgleichend, damit keine veränderte Geschwindigkeit der Drehungen ungleichmäßig gesponnenes Garn liefere oder es in einem Momente zu großer Hitze zerreiße. Welch’ ein Wunder, daß der geistlose eiserne Riese seine hundert Pferde immer selbst auf das Genaueste im Zaume und in gleichmäßiger Geschwindigkeit hält, ohne nach Futter, Lohn, Feierabenden, Feiertagen zu fragen! Gibt man ihm alle Tage nur die nöthige Kost von [8]0 Centnern Kohlen zu verzehren, besorgt er alles Andere mit der größten Pünktlichkeit und Ausdauer und spart dem Ernährer 100 Pferde und Tausende von Menschen, oder 10,000 Spinnen, Raupen und sonstige Seiler von Natur, die dabei aber keinen einzigen solchen wollenen Faden zu Stande bringen.

Er dreht zunächst mit seinen unermüdlichen Eisenarmen ein eisernes Rad von 25 Fuß Durchmesser, dessen Peripherie jede Stunde 20 Meilen Raum in Kreisform zurücklegt. Das Rad greift halb aus dem Maschinenraume durch die Wand in andere Localitäten hinein, und bewegt dort einen verticalen Schaft, welcher einen ungeheuern Lederriemen um sich herumreißt. Dieser Lederriemen vertheilt nun, über andere Schafte rasend, die aus den Kohlen gefeuerte Hundertpferdekraft durch verschiedene Säle und Räume, wo er unzählige Schafte und Achsen und Spindeln und Rollen in ewiger, sicherer, kaltblütiger, aber reißender Geschwindigkeit spinnend um sich selber herumschwirrt. Diese rohe, riesige, blinde Hundertpferdekraft dreht nun, so vertheilt, 10,000 Spindeln, die jede mehr und besser arbeiten, als die fleißigsten Bauermädchen in den Zeiten, „wo Bertha spann.“

Ist das nichts, hundert Pferdekräfte, die Millionen Jahre unter der Erde schliefen, in 10,000 meisterhafte, nie ermüdende Spinnerinnen zu verwandeln? Und dazu noch die Selbst-Controle! Um diese gehörig zu würdigen, müssen wir bedenken, daß es keine Möglichkeit gibt, Kraft zu schaffen. Alle mechanischen Bewegungen sind blos verschiedene Formen vorhandener Kräfte. Dieses können zusammengepreßt, zurückgehalten und in Explosionen u. s. w. entladen oder in gleichmäßigem Strome fortgepflanzt, aber niemals durch irgend eine mechanische Einrichtung selbst erzeugt oder nur vermehrt werden. Die hundert Pferdekräfte waren in die Kohlen verpackt und vor Millionen Jahren aus Luft, Wasser und sonstigen Bestandtheilen, aus denen sich die später zu Kohlen zusammengepreßten Wälder bildeten, hineinbegraben worden. Das Feuer macht die hundert Pferdekräfte zu Dampf. Dieser dreht 10,000 Spindeln. Vielleicht kann er noch mehr drehen, aber zuletzt würde ein Stäbchen kommen, federleicht an sich, jedoch stark genug, die ganzen 100 Pferdekräfte zu brechen, wie man vom beladen Kameele sagt, daß eine Feder mehr auf seinem Rücken es niederdrücken würde.

Die thätigen 100 Pferdekräfte sind unter 10,000 Spindeln vertheilt. Von diesen müssen zuweilen mehrere auf einmal außer Thätigkeit gesetzt werden, um volle abzunehmen und neue einzustellen. Die so gesparte Kraft geht sofort auf die anderen über, und dreht diese schneller, so daß die Fäden reißen oder zu stark gedreht werden. Auch wird zuweilen zu viel Futter auf einmal in den Rachen des Riesen geschüttet, so daß der erhöhte Verdauungs- oder Verbrennungs-Proceß zu viel Hitze, zu schnelle Bewegung der Spindeln überhaupt, d. h. zu starke Fäden und „reißendes Abgehen“ derselben bewirkt.

Deshalb ist Regulirung und Regelmäßigkeit der Bewegung just in solchen Spinnmaschinen von größerer Wichtigkeit, als in andern. Der gewöhnliche rotirende Regulator, der, wenn’s zu arg wird, seine centrifugalen Kugeln ausbreitet und so, wenn’s schon zu arg geworden, den Schuß der Bewegungen etwas hemmt, ist nicht zuverlässig und fein genug für die feinen Wollenfäden. Die Controle muß eine so feine und empfindliche sein, daß jede nur erst drohende Unregelmäßigkeit gleich im Keime erstickt und der gewaltigsten Ueberkraft durch eine aus dieser selbst erwachsende Gegenkraft ein solcher Hemmschuh angelegt wird, daß Kraft und Gegenkraft sich ausgleichen und die Maschine gleichmäßig fortwirkt, als wenn gar nichts vorgefallen wäre. Einen solchen Gouverneur über den Dampfriesen haben die Herren Child und Wilson erfunden und ihm den patentirten Namen „Differential-action Governor“ gegeben.

Was ist dieser „Differential-Actions-Gouverneur“ für ein Kerl? Wie ich ihn bei Mr. Blake wirken sah, kam er mir vor, wie der vollkommenste und feinfühlendste Weise. Er besteht aus einem gezahnten Triebel mit einem gezahnten Rack auf jeder Seite. Die Zähne jedes Racks greifen in den Kamm oder die Zähne des Triebels [337] ein. Der eine Rack den wir A nennen wollen, steht so mit dem bekannten Centrifugal-Regulator in Verbindung, daß er, je nach dessen Schnelligkeit der Drehungen, den Triebel auf einem Central-Zapfen dreht. Zugleich wirkt er so auf ein Ventil unterhalb, daß er Wasser in einen Druck-Cylinder unterhalb einströmen läßt und letzteren entweder über oder unter eine Kolbenplatte (einen breiten Stempel) bewegt. Das Wasser strömt aus einer oberhalb angebrachten Cisterne und wirkt auf die Kolbenplatte mit hydrostatischem Druck, dessen Gradationen ein immerwährendes Fallen und Steigen dieses Kolben bewirken. Dieser endet oben unter dem zweiten Rack, den wir B nennen wollen und der ebenfalls auf den gezahnten Triebel wirkt. Letzterer befindet sich auf dem Hebelgriff der Dampfklappe, die man an Locomotiven, wie ich glaube, Schnarchventil zu nennen pflegt, und schließt oder öffnet dieses Ventil und läßt Dampf ein oder schließt ihn ab von dem großen Dampf-Cylinder, je nachdem er steigt oder niedergedrückt wird.

Die Differential-Action dieses Gouverneurs besteht nun im Wesentlichen darin, daß, wenn Rack A sich niederbewegt, ohne B zu stören, sich der Triebel auf Rack B wirft und das Schnarchventil verengt, oder daß, wenn Rack B aufsteigt, ohne A zu bewegen, sich B auf Rack A wirft und das Schnarchventil schwächt, oder daß A und B gleichmäßig auf- und absteigend den Triebel auf dem Zapfen drehen und das Schnarchventil weder öffnen noch schließen. Der Druck abwärts des Regulators wirkt auf Rack A, der Druck aufwärts des Wassers auf Rack B. Dies bewirkt die eigentliche Differential-Action. Sobald die Geschwindigkeit der Bewegung des großen Triebrades nur im Geringsten einen Ansatz zur Beschleunigung nimmt, bewirkt dieser Apparat sofort die nöthige Ausgleichung durch Abschließung des Ueberschusses von Dampfkraft. Die beiden Racks wirken auf das Ventil einzeln oder zugleich in entgegengesetzten Richtungen, so daß die Bewegungen des Ventils sich in der That nach dem Unterschiede, der „Differenz“, zwischen hydraulischem Druck und der (Zentrifugalkraft der Regulirungs-Kolben (oder Flügel) richten, d. h. also durch „Differential-Action.“

Dies ist, so weit es mit Worten für eine allgemeine Vorstellung gesagt werden kann, die Einrichtung, wodurch die Herren Child und Wilson den gigantischen, unbeugsamen Dampf-Titan nöthigen, sich auf das Feinste und Gleichmäßigste selbst zu controliren.

In meiner Gegenwart wurde auf einmal 24 Pferdekraft in den Spindeln außer Thätigkeit gesetzt, ohne daß das große Triebrad seine 25 Drehungen per Minute nur um eine Secunde beschleunigte. Die 24 für den Augenblick ausgespannten Pferdekräfte fanden einstweilen hinreichende Beschäftigung, den hydraulischen Druck zu der entsprechenden Verengerung des Schnarchventils zu nöthigen.

So viel über einen der feinsten und zugleich mächtigsten Apparate an der Dampfmaschine. Männer von Fach werden sich aus der allgemeinen Skizzirung desselben ein bestimmtes Bild, eine Zeichnung machen können. Für uns Laien reicht die interessante Thatsache als solche hin. Der Differential-Actions-Gouverneur hat die 100 Pferdekräfte mit feinster Hand so in der Gewalt, daß sie nicht nur das Triebrad und die 10,000 Spindeln in stets gleicher Bewegungsgeschwindigkeit erhalten, sondern auch den Zeiger einer Uhr so drehen, daß man dieser mehr glaubt, als den expreß zur Zeitangabe gehaltenen Taschenuhren. Gewissenhaftere Selbstbeherrschung kann man von einem so gewaltigen Burschen kaum erwarten.