Seltsame Fügungen des Geschickes

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Autor: Johannes von der Babenburg
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Titel: Legende
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aus: Wünschelruthe - Ein Zeitblatt. Nr. 50 S.199; 51 S.204
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Scans auf Commons
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Seltsame Fügungen des Geschickes.




Wir geben hier einige Geschichten, die in keiner innern Verbindung stehen, und die nur, wie Perlen durch einen rothen Faden aneinander gereihet werden, durch den Zufall verbunden sind, der durch alle wie die Schlange, die hier zugleich bös und verführend, wohlthätig und verschönernd (als Symbol der Gesundheit und Ewigkeit) ist, sich hindurchschlingt; durch den Zufall, oder wie wir die dunkle Gewalt nennen mögen, die wie in einem Traume, den das Schicksal, die Natur träumt, den gewöhnlichen Gang, das Vorhergesehene durch das Ungewöhnliche, Unvorhergesehene, oft furchtbar, oft nur ironisch und launenhaft unterbricht.

1.

Ich kam an einem Sommertage mit meinem Oheim den Berg herab, der sich an dem Edelhofe und Dorfe W. in einem halben Bogen herzieht und es still in seinem Schooße hat. Der Edelhof liegt allein, davor eine Wiese, zwischen welcher und dem Fuß des Berges ein Fahrweg vom Holze zum Dorfe zwischen hohen und starken Hecken herzieht. Wir waren stehen geblieben, und sahen herab, da zeigt mein Oheim auf den Weg, und sagt : „willst du nun einmal sehen, wie Kinder und besonders Bauerkinder um die sich niemand bekümmert, ihren eigenen Schutzengel haben?“ ich blickte scharf hin, da zog in dem Wege eine beladene Schleife oder Schlitten, worauf etwas Gras zur Fütterung lag, darauf saß ein Kind von höchstens 5 Jahren rückwärts, und hatte die Schneide einer Sense queer so auf dem Schooße liegen daß ihr Stiel links weit über den Schlitten wegragte.

Zwei Pferde zogen, auf denen ein Junge von 6 bis 7 Jahren saß; faßte der Stiel der Sense nur einmal in die Hecke, so mußte sie das Kind nothwendig durchschneiden. Ich sprang den Berg herab, ohngeachtet mich der Oheim aushalten wollte, und mir allerhand nachrief, was ich nicht mehr verstand. Auf ein paar hundert Schritte rief ich dem fahrenden Jungen zu er solle stille halten; dieser aber der mich auf sich zulaufen sieht und schreien hört, was er nicht versteht, geräth in Angst, schlägt die Pferde daß sie im Trabe zum Dorfe eilen. Ich bleibe stehen, weil die Mühe umsonst, und erwarte den Oheim der langsam und kaltblütig herabkommt. „Siehst du, wie wahr es ist mit dem Schutzengel, du hattest dazu mit wohlgemeinter Voreiligkeit die Gefahr vergrößert, ich sah von oben herab ganz deutlich wie jedesmal wenn der Sensenstiel fast in die Hecke eingefaßt hatte der Schlitten rechts von der Seite rutschte, damit das Kind, das da auf dem Grase saß, wie eine reife Kirsche zwischen Blättern, die jeden Augenblick der Vogel anpicken kann, daß das rothe Blut die grünen Blätter besprengt, ja nicht in seiner unbehüteten und unbesorgten Unschuld verletzt würde.“

– tn.


2.

In Polen fiel ein Bauer in eine tiefe Honiggrube die in einem großen holen Baume war, in welchem er hätte sterben und verfaulen müssen, wäre nicht ein Bär gekommen um zu fressen, den erwischt er an einer Tatze, macht zugleich ein gräßlich Geschrei, daß der Bär erschrocken im Davonrennen ihn herauszieht.



3.

In der Schweitz hoch auf dem Gebirge begegnet ein Bär einem starken Bauren, fällt ihn an, der wehrt sich nach Kräften, faßt den Bären um den Leib; sie fallen beide nieder an einem jähen Abhang, schlagen darinn hinunter, und weil der Bär schwerer war, fällt er unter daß alle Knochen zerschmettert werden, der Bauer aber liegt unversehrt in den Armen des todten Bären.


[204]
4.

Auf der Platte-Form der großen Pfarr-Kirche in Bern liefen einst einige Esel herum; ein Paar Schüler erwischen sie, setzen sich darauf, schlagen, daß die Esel laufen, springen und um sie abzuwerfen hinten ausschlagen. Auf Einem sitzt ein Schüler Namens Weinzäpfler; das Thier kömmt der Mauer zu nahe, nimmt den Kopf zwischen die Beine, schlägt hinten aus und schnellt den Burschen fast Kirchthurmshoch über die Mauer herab, daß er weinend nach Hause geht, weil er einen tüchtigen Puff am Arm bekommen.



5.

In dem Erdbeben zu St. Severin in Frankreich den letzten Juny 1627, wo fast 10000 Menschen erschlagen wurden, wollte das wunderbare Geschick, daß die große Glocke von einem Kirchthurm herab, und wie ein Hut über ein kleines Kind stürzte, daß es vor den übrigen darauf schlagenden Balken und Steinen geschützt, am andern Tage lebendig hervorgezogen ward.

S. Axtelmeier, des Naturlichts neueröffneter Palast (1706) Th. II.


6.

Die Gräfin P-ka batte einen wichtigen Prozeß über große Geldforderungen, der von ihrem Gegner durch unzählige Kunstgriffe und Advocatenkniffe so aufgehalten wurde, daß sie endlich, ungeduldig nicht zu ihrem Recht gelangen zu können, (es war in der Zeit als Napoleon das Großherzogthum Warschau gestiftet aber noch nicht dem Könige von Sachsen übergeben hatten) gradezu nach Paris reiset, von wo aus durch eingreifende Empfehlungen unterstützt, sie den Prozeß in Warschau gewinnt. Sie reiset nach Hause und kommt Abends sehr spät in einem elenden polnischen Dorfe an. Ein Gebrechen am Wagen welches nicht so rasch gebessert werden kann, die dunkle neblichte Nacht, schlechte und nicht ganz sichere Wege gebieten ihr zu bleiben, aber eine unbeschreibliche Angst treibt sie, daß sie das mögliche, Bitten und Geld versucht, um weiter zu kommen; da kömmt, während sie noch den Leuten, die bei der Laterne am Wagen arbeiten, zuredet, ein junger polnischer Offcier angefahren, der ebenfalls noch weiter will. Eben erklärt ihr der Schmidt: „vor Morgen früh käme sie auf keine Weise fort“; da wendet sie sich in ihrer Unruhe an den Officier, erst, daß er sie nur auf irgend eine Art unterstützen solle, und da auch er bald die Unmöglichkeit einsieht und ihr zuredet sich zu beruhigen und zu bleiben, bittet sie ihn dringend wenigstens selbst auch zu ihrem Schutz den Morgen zu erwarten. Er, dem Geschäfte Eile gebieten, schlägt es ab, sie aber in noch immer mehr steigender Angst bittet ihn zuletzt fast fußfällig, so daß er halb unwillig ihr ein Paar Stunden aufzuopfern verspricht.- Tief in der Nacht als der Mond eben aufgegangen, hört er, der sich angezogen aufs Bette geworfen, einen durchdringenden Schrei von dem Zimmer der Gräfin her, rasch springt er mit gezogenem Säbel durch die zwei trennenden Thüren in das Zimmer der Gräfin, wo eine Gestalt sie ringend umfaßt hält und eine andere eben den Säbel zückt um sie niederzuschlagen; rasch auf ihn einhauend und ihm den Arm zerschmetternd, daß er niedersinkt, stürzt er auf den andern und indem er mit dem sich balgt und Hülfe ruft, kommen die Leute mit Licht dazu, und ergreifen beide. Da erkennt die Gräfin in dem einen den Mann wogegen sie jenen gehässigen Prozeß gewonnen und der Offizier erkennt in dem, dem er den Arm abgehauen, seinen eigenen Vater der durch jenen Prozeß ein Bettler und Mörder geworden, und in dem andern seinen einzigen Bruder.