Spanische Reisebriefe

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Autor: Emil Adolf Roßmäßler
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Titel: Spanische Reisebriefe
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[130]
Spanische Reisebriefe.
Von
E. A. Roßmäßler.[1]
Lyon, den 7. März 1853.      

Sie haben gewünscht, werther Freund, daß ich Ihnen für die Gartenlaube Reiseberichte schreibe. Ich thue es gern. Einmal weil die Vorliebe des Lesepublikums für Reiseberichte die Mängel meiner Berichte nachsichtig beurtheilen wird; einmal weil es mir ein wahres Bedürfniß ist, meine Art, die Dinge anzuschauen, Andern zur Beurtheilung vorzulegen. Ihrer Zustimmung glaube ich im Voraus versichert sein zu dürfen, denn ich weiß, daß Sie meine Anschauungsweise theilen. Wir sehen Beide überall und in Allem das Walten der Natur und ihrer Gesetze. Ich will diesem Walten jetzt für einige Zeit in dem südlichsten Himmelsstriche Europa’s lauschen, wo die mächtige Triebfeder, die Wärme, die Pulse des Lebens rascher und voller treibt und neben der anderen, kaum weniger mächtigen, dem Wasser – je nachdem es entweder fehlt oder in Fülle rinnt – entweder glühende Steppen oder üppige Gärten zaubert. Spanien ist, wie Sie wissen, das Ziel und seit lange der ersehnte Pol meines Strebens; Spanien, das ungekannte, und was schlimmer ist, das verkannte Spanien. Sie wissen noch nicht, was ich Ihnen berichten werde, wohl aber können Sie wissen, was ich Ihnen nicht berichten werde – Schilderungen von Schlössern und Palästen, von Domen und Kathedralen, Gemäldegallerien und Arsenalen, Festungen und Universitäten. Von dem Allen und sonstigen Ingredienzen der meisten Reiseberichte erwarten Sie in dem meinigen nichts. Die Natur Spaniens will ich Ihnen und Ihren Lesern schildern, so gut ich ihre Sprache, die überall dieselbe Verständlichkeit für den Naturforscher hat, verstehe.

Deshalb auch heute Nichts von Paris und Lyon. Was mich, den stillen Sohn der Natur, in Paris unsanft, ja roh berührt hat, das ist die Unnatur, die über Paris ausgebreitet, die aus Allem und Jedem hervorblickt. Ich habe mich nicht wohl gefühlt dort. Auch auf der Reise nach Lyon packte mich das Heimweh fast, so unbehaglich fühlte ich mich. Dank sei es meiner klassischen Gymnasialbildung, daß ich 8 Jahre lang wohl Lateinisch und Griechisch, aber kein Französisch gelernt habe. Das Wenige, was von letzterem aus der Lektüre wissenschaftlicher Bücher in den Ecken meines Gedächtnisses hängen geblieben ist, reicht gerade aus, um mich vor dem Hungertode zu schützen und um eine von mir niemals verkannte Wahrheit mir noch tiefer in’s Bewußtsein zu bringen: die Allmacht des Wortes. Man lernt dies niemals mehr würdigen, als in Gesellschaft ewig und immer parlirender Franzosen.


Marseille, den 9. März 1853.      

Das war des Schönen und Erhabenen, des Lieblichen und Anmuthigen, des Neuen und Anziehenden fast zu viel für zwei Tage! – Ueberall habe ich die Provence und Provencalen nur schimpfen hören, und ich bin heute von meiner zweitägigen Rhonefahrt, die größtentheils in der Provence sich bewegte, entzückt, betäubt. Ich weiß aber, woher das kommt. Wer diese Reise im Sommer macht, der findet die baumlose Gegend öde und traurig. Jetzt konnte ich noch kein Grün erwarten und vermißte es daher auch nicht. Der Schauplatz der lieblichen Göttin Flora, als welchen diese die Provence freilich fast ganz verschmäht hat, ist eben hier, von der Rhone aus gesehen, so großartig wie nur irgendwo. In Spanien erwarte ich die tiefsten, die entzückendsten Eindrücke, aber keiner wird den Eindruck der Rhonefahrt verwischen können. Es mag sein, daß meine naturwissenschaftliche Anschauung den Dingen um mich einen größeren Reiz verlieh. Für mich ein Beweis mehr, wie nothwendig es zur menschlichen Bildung gehöre, den leiblichen Sinnen durch naturwissenschaftliches Verständniß zu Hülfe zu kommen.

Lyon, die gewaltige Fabrik, brachte mich unter tausendstimmigem Ufergetöse in das große, aber alte und schmutzige Dampfboot unter. Von den hohen Ufern der Saone schauten die siebenstöckigen Häuser auf das Treiben herab, als wollten sie die Einschiffung ihrer kostbaren Waarenballen überwachen. Nahe unterhalb der Stadt tritt die Rhone – warum machen wir Deutschen den Rhodanus der Römer und le Rhone der Franzosen zu einem weiblichen Wesen? – in die Saone ein, die nun ihren Namen an jene verliert. Mir scheint dies ein Unrecht an ihr zu sein, denn die Saone scheint mir bei ihrer Vereinigung mit der Rhone der größere Fluß; dazu kommt, daß von der Vereinigung beider an die Richtung der vereinten Ströme die der Saone bleibt, ja die schöne blaue Farbe der Rhone wird von der mehr gelblichen der Saone [131] nach der Mischung überwältigt. Mir schien dabei die Rhone das schöne Bild eines Menschen, welcher Namen und Ruhm einem Anderen abtritt, nachdem er sich zu gemeinsamem Wirken mit ihm vereinigt hat.

Die schon von Lyon aus hohen Ufer bilden sich bald zu einer Doppelreihe malerischer Berggelände aus, mit Weinbergsterrassen bedeckt, wo es nur irgend möglich war, sie anzulegen. Zahllose Ortschaften säumen die Ufer; nur vermißte ich an ihnen die freundlichen rothen Ziegeldächer und die helle Tünche der rheinischen Uferstädte. Dies und der Mangel der Bewaldung der Uferberge stellt eine Rhonefahrt allein gegen eine Rheinfahrt zurück. Außerdem muß ich jener den Vorzug der Großartigkeit einräumen. Doch ich will jetzt keine Beschreibung der Einzelnheiten versuchen. Mein Brief würde sonst fast das Ansehen einer geologischen Skizze annehmen. War es ja doch vornehmlich der vielfach wechselnde Blick in die Schichtengliederung der zu beiden Seiten aufgethürmten Berge, was mich unaufhörlich in der aufmerksamsten Spannung erhielt. Auch der Ortschaften, von durchaus südlichem Character, will ich nicht namentlich gedenken. Nur die zierlichen Drahtbrücken, deren bis Avignon nicht weniger als 13 beide Ufer verbinden, will ich erwähnen, als einen Beweis, wie sehr der Franzose mehr als der Deutsche darauf bedacht ist, den Verkehr zu fördern. Daneben gereicht ihm freilich die Unkenntniß seines eigenen Landes, soweit diese dessen geographische Seite betrifft, zu schlechter Ehre, denn wohl sechs meiner französischen Reisegefährten fragte ich vergeblich nach dem Namen des Gebirges, welches am rechten Ufer seine schneebedeckten Berge über die niedrigen Höhen emporschauen ließ. Ohne Zweifel sind es die Cevennen. Unterhalb Vienne aber mußten diese unbekannten Berge in meiner Beachtung plötzlich entschieden zurücktreten, denn in längerer Reihe dehnte sich am östlichen Horizonte die schneeweiße Kette der Alpen aus. Wiederum konnte mir Niemand, auch nicht der Capitain des Bootes, sagen, welches der mächtigen Häupter darin der Montblanc sei; und doch mußte er darunter sein, da man ihn schon von den Lyoner Höhen sehen kann. Mit dem Sinken der Sonne verwandelte sich das blendende Weiß der Alpenkette in ein liebliches Rosa und mein überraschtes Staunen in ein begeistertes Entzücken, welchem ich glücklicherweise Worte geben konnte, da ich kurz vorher auf dem Verdeck zwei deutsche Reisegefährten ausfindig gemacht hatte. Fern von nationaler Bornirtheit machte mich das doch sehr glücklich. Es war eben nur die Allmächtige, die Sprache, das Wort, unter deren Botmäßigkeit ich wieder trat, während ich bisher ein Verlassener gewesen war.

Gegen Abend landeten wir in Valence. Der scharfe Luftzug der Rhonefahrt hatte mir neckisch verhehlt, daß ich mich bereits in milderen Lüften befinde. Es lag für mich aber eben darin eine fast zauberhafte Ueberraschung, als ich am Ufer warme Frühlingsluft mich anwehen fühlte. Als ich weiter ging, ragten über eine Gartenmauer drei Cypressen hervor. Ich mußte sie laut begrüßen – meine zwei deutschen Reisegefährten hatten sie nicht beachtet – und rieft „ja nun bin ich im Süden!“ Doch bevor ich Marseille erreichte, sollte der Zauber des Südens noch mächtiger über mich kommen. Um 2 Uhr des folgenden Tages verließen wir in Avignon das Boot. Eilig überantworteten wir uns einem der sich um unseren Besitz fast prügelnden Führer. Gegen Abend, vor Abfahrt der Eisenbahn nach Marseille, besuchten wir allein zum zweitenmale die Höhe, auf welcher der päbstliche Palast liegt. Wer vermag diese Rundschau zu beschreiben! Dicht neben uns der Palast, – jetzt ein Gefängnis! – mit der alten Kirche, deren Portal ein Ueberrest eines römischen Tempels ist; um uns blühende Gesträuche eines südlichen Himmels und rings um unsern Standpunkt herum ein fast vollständiges Rundgemälde von der mannigfaltigsten Zusammensetzung. Zu unseren Füßen die Rhone und die alte graue Stadt, gegen Osten die ferne Alpenkette, aus der in größerer Nähe der mächtige Mont Ventoux in rosiger Abendbeleuchtung emporragte. Unser Führer hatte uns die Stelle bezeichnet, wo die berühmte source de Vaucluse rinnt, wo Petrarca um seine Laura trauerte. Im Museum hatten wir den überraschenden Reichthum hier gefundener römischer Alterthümer überblickt; im einsamen Garten desselben, eingehegt von den edeln Frauen des Gebäudes, hatten mich die Düfte der Myrten und Lorbeerbäume betäubt – – werden Sie sich wundern, daß ich mich nur schwer von dem päbstlichen Palaste Avignons trennte? Es musste aber sein, denn ich reise nicht in meinem eignen Interesse allein, wie Sie wissen, sondern um der Wissenschaft und Denen zu dienen, die mir im Interesse jener das Reisegeld gaben. Um 8 Uhr fuhr ich mit dem pfeilschnellen Abendzuge der Eisenbahn ab und traf mit dem einen meiner deutschen Reisegefährten um 10 Uhr in Marseille ein.

Bis hierher schrieb ich meinen Brief, ehe ich mir den Besuch der Stadt und Umgegend gestattete, um nicht durch neue die gestrigen Eindrücke zu verwischen oder wenigstens zu stören. Ich hatte Recht daran gethan, denn nicht umsonst nennt der Franzose Marseille die schönste Stadt Frankreichs. Von 11 bis Nachmittag 4 Uhr irrten wir in der unbeschreiblich malerischen Gegend umher. Wir überließen es, ich und mein Reisegefährte, einem Fiakre, uns an einem entlegenen geeigneten Punkte aus der Stadt an das Ufer zu führen. Ich sah das Meer nicht zum ersten Male; in Triest hatte ich schon die stürmende Adria gesehen. Jetzt verschwand sie vor der Pracht des Hafens von Marseille. Der Anblick des tiefblauen Meeres unter dem klaren Himmel wäre mir ein hinreichender Genuß gewesen; nun aber stand ich sprachlos vor Staunen und Entzücken, als ich Meer und Himmel gewissermaßen blos als den Hintergrund fand, auf welchem die großartigste Berglandschaft gemalt ist. Es schmerzte mich, als ich daran denken mußte – ich weiß nicht, wie mir der Gedanke kam – daß auch hier in diesem Tempel der neuen, großen Natur die Menschen wohl auch nur die Menschen von anderwärts sein werden. Sie werden nicht über mich lachen, denn Sie verstehen mich, – belächeln mußte ich meine fromme Kühnheit selbst – ich dachte: Reisen, Reisen der Menschen zueinander, der bevorzugten Marseilleser zu den Stiefkindern der nordischen Haiden und dieser zu jenen, das muß die Menschen einander nähern; ja, die Menschen sollten reisen müssen; es müßte Nationalsache – doch weg mit den Nationen, die würden dann keine trennende Bedeutung mehr haben – es müßte Sache der Menschheit und ihrer Erziehung werden. – Ich dachte an die Meinigen daheim; ich fragte mich lächelnd, was sie jetzt wohl machen würden, wenn ich sie mit auf die Reise hätte nehmen, ihnen diesen Genuß bieten können. O gewiß, sie wären mir vor Dank [132] und Freude um den Hals gefallen, stumm, nur mit einer Thräne im Auge. Nur ihre Abwesenheit verhinderte, daß ich mich jetzt ganz glücklich fühlte, so glücklich, als ein Mensch nur sein kann – und ich meine, ein Mensch kann sehr, sehr glücklich sein. – Niemals, auch nicht gestern in Avignon, war ich glücklicher über meine Kraft – ja es ist eine Kraft – mich der Natur freuen zu können, so recht aus Herzensgrunde.

Verzeihen Sie, Freund, diesen Jubel meiner Begeisterung. Sie wissen aber, ich kann nicht anders. Sie müssen meine Briefe schon nehmen, wie Sie mich immer in Freundschaft genommen haben. Ich und meine Briefe sind Eins.

Ich will es versuchen, die unbeschreibliche Schönheit des Ortes mit einigen Worten zu beschreiben.

Vor mir lag das ruhige Meer, das von einem leichten Seewinde überblasen nur in fast regelmäßig abgemessenen Takten wohl dreißig Schritt lange, aber ganz flache Wellen an die sandigen Küstenstellen hinanrollte. Die Sonne stand im Zenith und glitzernde Wellchen warfen millionenfach in einer breiten Fläche ihre Strahlen zurück. Links gegen la Ciotat trat eine lange Bergkette aus dem Lande bis vor in das Meer, deren höchste Gipfel, wohl mehrere Tausend Fuß hoch, nicht die eintönigen weichen Formen der Waldberge, sondern die malerischen Ecken und Klüfte der Felsengebirge hatten. Sie kehrten mir ihre Schattenseite zu und waren daher in einen blauen Duft gehüllt. Rechts glänzten im blendenden Sonnenschein, fast reinweiß, die mit Bastionen gekrönten Kalkfelsen von einigen Inseln, welche den Hafen von Marseille schließen, welches selbst ganz von einem Vorsprunge des Felsenufers sammt dem eigentlichen Hafen verdeckt war. Dahinter dehnte sich das ferne Ufergebirge als blaue zackige Coulisse aus; aber alles fern genug, daß Alles zusammen eben wie Coulissen auf dem Horizonte des Meeres zu stehen schien, und nur die Deutlichkeit und Schärfe, oder die Weichheit und Undeutlichkeit der Einzelheiten ließ das Nahe von dem Fernen unterscheiden. Den linken Vordergrund bildeten über einer selbst schon gegen 100 Fuß hoch gelegenen Straße bergige Gärten, aus deren einem über einen Felsenvorsprung ein krystallklarer Bach herunterstürzte. Er mußte aber vorher einen Theil seines Wassers hergeben, um mitten auf einer Erweiterung des Weges aus einem runden, wohl gegen 20 Schritte breiten Bassin eine Fontaine hoch emporzuspritzen, die, so klar war das Wasser, von weitem kaum zu sehen war. Die bergige Lage, nach dem Wege zu geneigt, gestattete den Blick in die Gärten. Die Seekiefer und die Oelbäume bildeten neben hohen Haidebüschen noch das einzige Grün darin, welches düster von den fast kreideweißen Kalkfelsen hervortrat. Nicht elegante Landhäuser, sondern bunt durcheinanderstehende schlichte Häuschen waren die weit passendere Zuthat der menschlichen Hand zu diesem Werke der Natur. – Dies ungefähr, – meine Worte werden es Sie freilich nicht mir nachempfinden machen – sah und empfand ich heute – und vor kaum mehr als einer Woche sah ich nichts, als die langweiligen schneebedeckten Ebenen Leipzigs!

Von der Stadt und dem Hafen schreibe ich nicht; beide haben Häuser und Schiffe und Verkehrsgewühl wie alle Hafenstädte, nur vielleicht Marseille etwas mehr, als manche andere.

Ich bin ja auch nur erst eine wandernde Schwalbe. Uebermorgen denke ich mich auf dem spanischen Dampfboot el Barcelona einzuschiffen. In Barcelona soll es mich auf spanischem Boden aussetzen. Dort erst will ich das Reisen genießen, dort erst kann ich hoffen, daß meine Briefe Sie einigermaßen zum Mitreisenden machen.

[182]
II.
Barcelona.


Ende März 1853.      

Auf spanischem Boden wäre ich nun. Aber ich kann nicht sagen, daß ich mich bis jetzt sehr behaglich auf ihm fühlte – denn mich friert, und indem ich dies schreibe, habe ich meine Filzstiefeln übergezogen und meine Reisedecke umgehängt; und doch habe ich heute hunderte von fruchtbeladenen Citronen- und Orangenbäumen gesehen, von denen die Gärten vor meinem Hause voll sind. Doch lassen Sie sich mit einigen Worten erzählen, wie ich hierher gekommen bin.

Der Bareino geruhete seine Abfahrt um einen Tag zu verschieben, wahrscheinlich weil sich noch zu wenig Reisende gemeldet hatten. Also erst am 12. März früh 7 Uhr betrat ich in meinem Leben das erste Seedampfboot; doch erst nach 2 Stunden wurden die Anker gehoben. Den Genuß des Rückblicks auf die malerische Küste und den Mastenwald des Hafens von Marseille mußte ich mir durch einige Ueberwindung erkaufen, denn das Schwanken des Bootes ließ den Horizont bald über bald unter der Brustwehr des Verdecks erscheinen, was mir einen Uebles vorbedeutenden Schwindel verursachte. Das wird gut werden, dachte ich. Doch nein; nachdem wir nach 26stündiger fast stürmischer Fahrt in Barcelona landeten, war ich meines Wissens der einzige Passagier, der nicht seekrank geworden war, und ich strich beim Frühstücke in der Cajüte die Beglückwünschungen deshalb als einen schuldigen Tribut mit einem gewissen Stolz ein. Ich war daher auch so ziemlich der Einzige, dem das vortreffliche Frühstück mundete.

Während meine ächzenden oder endlich zur Ruhe gekommenen Reisegefährten in ihren Kojen lagen, machte ich mich vor dem Grauen des Tages munter und frisch aus der meinigen, um auf dem Verdeck nach her spanischen Küste auszuschauen. Sie lag in phantastischen Bergumrissen bereits ziemlich nahe vor mir und über allen ragte das schneeweiße Haupt des Monserrate hervor. Ich war von einem heiligen Grausen erfüllt. Um mich wogte, von den Schaufelrädern gepeitscht, das weite schwarze Meer, dessen Murmeln nach dem zischenden Brausen des Abends mir wie das halblaute Brummen in den Bart eines zur Ruhe gebrachten Zänkers vorgekommen sein würde, wenn dieser Vergleich des gewaltigen Elementes würdig wäre. Ueber mir funkelten am wolkenlosen Himmel die Sterne, unter denen meinem unkundigen Auge am südlichen Horizonte dennoch einige neue Sternbilder auffielen. Gleicherweise sah ich den Polarstern tiefer, als zu Hause – dies brachte mir in diesem feierlichem Augenblicke, der es mir war, mein Fernsein von der Heimath und den Meinigen zu recht tiefem ernsten Bewußtsein. Als wir aus der Höhe von Mátaro angekommen waren, malte der eben dort abgehende Eisenbahnzug seine waagerechte weiße Dampflinie auf der Küste und wir konnten sie fast bis Barcelona verfolgen, wo wir erst eine Stunde später als er ankommen mochten.

Von Marseille kommend, macht Barcelona als Hafen keinen großen Eindruck. Aber sehr freundlich ist sein landschaftliches Bild. Auf einer Landzunge, die den Hafen bildet, breitet sich rechts das neue Barcelona mit seinen schnurgeraden [183] niedrigen Häuserreihen aus; links erhebt sich der malerische Berg des Monjuy mit seinem Castell und zwischen beiden liegt die rührige, gewerbereiche Hauptstadt von Catalonien. Ich bezog die Fonda de las cuatro naciones als fünfte; denn schwerlich wird die deutsche eine der vier gemeinten Nationen sein. Ich war also wie überall das fünfte deutsche Rad am Wagen der Nationalität. Doch nach einer Stunde fühlte ich mich geborgen unter der Obhut der liebenswürdigsten Bewillkommnung eines Landsmannes, des Herrn v. Gülich, Secretairs des preußischen Generalconsulates, der mich schon erwartet hatte, da er von meinem Reiseunternehmen in der Cölnischen Zeitung gelesen hatte. So etwas thut wohl. Es ist mir eine Pflicht, meinen Dank dafür öffentlich auszusprechen. Möchten alle Consularbeamte dem Herrn v. Gülich gleichen!

Es war Sonntag. Auf der Rambla, an der mein Gasthof liegt, wogten viele Tausende von Spaziergängern einher. Nach ihrem Putz zu schließen, ist, was sich nur immer mehr bestätigte, Barcelona ein Gemisch von Französisch und Spanisch. Die Frauen gingen eben so häufig, wenn nicht noch häufiger, nach der französischen Mode gekleidet, wie nach der unendlich viel schönern spanischen. Die Mantilla, meist schwarz, doch auch weiß, habe ich mir anders gedacht. Sie ist ein langer, nicht eben schmaler Shawl von Seide mit breiter Spitzeneinfassung, oder auch ganz von Spitzen. Er wird über den Kopf gelegt und mit 2 großen Nadeln an den Zopf gesteckt, jedoch so, daß die Spitzeneinfassung zurückgeschlagen oder als Schleier über das Gesicht heruntergelassen werden kann. Ich glaubte über die berühmte „Mantilla“ diese modistische Notiz den schönen Leserinnen der Gartenlaube schuldig zu sein. Anfangs lachte ich noch über die Männer, welche im warmen Sonnenschein ihren langen Mantel, den einen Zipfel über die linke Schulter geworfen, trugen. Heute beneide ich sie darum. Die nahen Pyrenäen blasen recht kalt herunter. Mitten unter der geputzten Gesellschaft schritten die malerischen Gestalten der Landleute und Arbeiter einher, in die „Manta“ gehüllt, ein großes Tuch, was sie mantelähnlich über die Schultern schlagen. Sie ist meist roth mit andersfarbigen Streifen. Am meisten fielen mir einige Männer auf, die ich in einer Pyrenäenschlucht für Räuber gehalten haben würde. Sie trugen blaue Jacken und Mäntel, rothgefüttert, mit weißen Borden besetzt, kurze Beinkleider, Gamaschen und Sandalen, und waren außer einer Flinte und einem Degen mit einem Dolche im rothen Gürtel bewaffnet. Die breite Krämpe ihres Hutes war an einer Seite emporgeklappt. Die Leute sind aber das Gegentheil dessen, wofür wir sie halten würden. Es waren Mojos de la Escuadra, Landjäger, welche organisirt und besoldet, aber Bürger sind. Sie üben den Sicherheitsdienst auf dem platten Lande aus.

Am folgenden Tage machte ich in Begleitung eines jungen Deutschen, der seit einigen Jahren Spanien bereist, einen Ausflug in das nahe Gebirge, welches gegen Westen das Thal des Llobregat begrenzt. Wir kamen in die reizend gelegene Ortschaft Gracia, wo viele reiche Barcelonesen Landgüter haben. Was mich schon vorher bei einer Besteigung des Monjuy in hohem Grade interessirte, das fand ich hier in dem durch den unermüdlichen catalonischen Fleiß urbar gemachten Boden noch viel großartiger, nämlich die Garteneinfriedigungen mit riesigen Agave- und Cactus-Hecken. Es ist für den nordischen Naturforscher noch mehr als für den in der Kenntniß der Natur Unbewanderten ein hoher Genuß, in ihrem Vaterlande die Pflanzen in üppiger Entfaltung zu sehen, von denen er daheim nur verkümmerte Zwerge kannte. Namentlich sind es die colossalen Cactusbäume, denn man kann sie wohl so nennen, was uns Nordländer fesselt. Wert über mannshoch recken sie, ihre über schuhlangen eirunden Glieder aneinander reihend, ihre bizarren Gestalten zwischen den ungeheuren Agave-Blättern empor und bilden mit diesen eine zwar durchsichtige, aber völlig undurchdringliche Hecke. Die abgestorbenen Agave-Blätter legen sich zurück auf den Boden und vertrocknen zu festen, holzigen Mumien. Unter ihnen ist das Versteck der Insecten und Schnecken. Es war mir unmöglich, die harten, stachligen Dinger zu beseitigen, um nach letzteren zu suchen. Unter ihnen liegen sie geborgen wie hinter Mauern und Wällen, und der Sammler muß geduldig warten, bis sie die Sonne hervorlockt. Einen eigenthümlichen, fast möchte ich sagen, unbeschreiblichen Eindruck machte auf mich ein Weizenfeld, welches mit einer Agave-, oder wie man sie gewöhnlich fälschlich nennt, Aloe-Hecke eingezäunt war. Unser heimathlicher Weizen in dieser Nachbarschaft! Es wird Manchem sonderbar erscheinen, aber mir kam es dennoch so vor, als wenn die nüchterne, nordische Getreidepflanze der südlichen Agave allen ihren Zauber nehme. Von weitem sah die Agave-Hecke wie ein riesenhafter Rasenstreifen aus. Sie, wie die Opuntia - wie diese Cactusart genauer zu benennen ist - muß man auf felsigen Abhängen oder verfallenen Mauern sehen, wie ich sie nachher sah, um ein richtiges Bild von ihrem Wesen zu erhalten. Die untersten Stammglieder der Opuntia sah ich da schenkeldick und die Blätter der Agave fast mannshoch, nicht mehr so elegant in strahliger Rankung gestellt, wie in der Jugend und an unseren schwächlichen Gewächshaus-Exemplaren, sondern zurückgebogen und von den Winden kraus durcheinander geweht, wie die Blätter eines riesenmäßigen Grasstockes. - Und doch ist das hier bei Barcelona nur noch ein schwacher Anfang gegen das, was diese europäischen Pflanzencolosse mehr im Süden Spaniens erreichen! In den so bewachten Weingärten standen zahlreiche Johannisbrodbäume (Algarroba), - sie ähneln einigermaßen den Wallnußbäumen - deren süße Schoten hier als Viehfutter benutzt werden, während sie bei uns den Kindern eine Lieblingsnäscherei sind. Auf einigen niedrigen Citronenbäumen eines kleinen Weingartens, der sehr armen Leuten gehören mochte waren - o des Kontrastes! - zerfetzte Windeln zum Trocknen aufgelegt, unter denen die goldenen Früchte hervorblinkten; daneben stand ein Orangenbaum, mit Früchten überladen, von denen einige abgefallen und den Abhang hinabgerollt waren. Niemand nahm sich die Mühe, sie aufzulesen. Und alle diese goldene Pracht stand in einer Einöde! Denn alle Bäume, die kein immergrünendes Laub haben, waren noch ohne Blätter, der karge Rasen noch ohne Blumen; fast nur unser heimisches Gänseblümchen war erst da; außer ihm einige prachtvolle, von giftigem Milchsaft strotzende Wolfsmilcharten, deren ich fünf verschiedene Arten fand, eine von ausnehmender Schönheit.

So war denn recht eigentlich der Gruß der spanischen Flora, den ich erhielt, ein neckender. Sie lächelte mir [184] aus ihren goldenen Hesperidenfrüchten zu und fröstelte mich an aus den laublosen Kronen ihrer Bäume. In Gracia erhielten wir zu unserm Mittagsessen eine frisch vom nahen Baume gepflückte Citrone – und jetzt vermisse ich bitter in meinem Zimmer den Ofen, denn nicht einmal Camine giebt es mehr in Barcelona. Man kann daher vielleicht eben so wie hinsichtlich der Sitten auch hinsichtlich des Klimas Barcelona einen Grenzort nennen. Wir Deutschen führen gegen den Winter den offenen Vertheidigungskampf mit allen Waffen, vom Ofen und den Winterfenstern bis zu den Pelzhandschuhen und Müffen. Der Barcelonese lebt mit ihm im Guerillakrieg der persönlichen Vertheidigung, durch seine Kleidung allein. Gegen den Sommer ist das Verhältnis umgekehrt. Die wenigen aber großen Fenster der spanischen Häuser wehren der Hitze das Eindringen durch innere Läden und äußere Jalousien; die stets mit Backsteinen getäfelten Fußböden der Zimmer und die engen dunkeln Gänge der Häuser haben denselben Zweck. Wir haben fast nur die leichten Kleider dafür, und bedürfen auch nichts weiter.

Es wird Sie wundern, wenn ich Ihnen erzähle, daß ich gestern, am Palmsonntage, in Pedralbes auf einem südlichen nicht über 400 Fuß hohen Abhange im Schatten der Häuser trotz des sonnenhellen Himmels dickes Eis auf den Pfützen fand. Ueberhaupt ergeht fast aus ganz Spanien die Klage über einen ganz ungewöhnlich strengen Nachwinter. Daher sahen mich die Catalonier eher neidisch als verwunderungsvoll im Pelze auf der Rambla muralla del mar spazieren gehen. Mag der spanische Lenz, den ich in Valencia zu finden hoffe, auch fast tropische Ueppigkeit und glühende Blüthenpracht entfalten, – ein Reiz des deutschen Frühjahrs fehlt ihm dennoch; es ist die völlige Wiedergeburt aus winterlichem Todesschlafe. Die vielen immergrünen Bäume und Sträucher lassen ihn nur Lücken ausfüllen. Es ist nur eine Vervollständigung, keine junge neue Schöpfung. Wenn die auch bei uns vorkommenden Pappeln, Ulmen, Akazien und einige andere nicht immergrünen Bäume, die jetzt hier noch so kahl und todt dastehen, maßgebend sein müssen, so ist hier heute noch Winter. Und doch blühen die Wicken- und Pferdebohnenfelder und der Weizen ist dem Schossen nahe. Es fehlt hier die Ueberraschung, das Gefühl der Erlösung aus der Fessel des Winters.

[204]
III.[WS 1]
Der Monserrat.


Barcelona den 26. März 1853      

Es war mir gelungen, zu einem Ausfluge nach dem großartigen Naturwunder, welches der Monserrat ist, zwei Reisegefährten zu finden, und so bestiegen wie denn mitsammen am 23. d. M. in der Mittagsstunde den Himmel eines Omnibus, welchen Platz wir der freien Aussicht wegen absichtlich gewählt hatten. Diese Himmelfahrt wurde anfangs in den Gassen Barcelonas, welche ein treues Abbild des wildromantischen catalonischen Hügellandes sind, zu einer wahren Höllenfahrt; aber desto mehr priesen wir unser Himmelreich, als wir auf die gut unterhaltene Landstraße kamen und nun der freiesten Umschau auf die reizende Gegend genossen. Die reiche Stadt streckt ihre Arme weit hinaus in die weite fruchtbare von Hügelreihen umfriedigte Ebene. Die Ortschaft Sans ist großentheils eine Gasse schöner Villen und großer Fabrikgebäude. Wir fuhren durch San Felin, fast noch dieselbe Erscheinung. In allen Hausfluren saßen die Weiber vor großen Klöppelkissen, umringt von kleinen, oft kaum zehnjährigen Schülerinnen. Plötzlich trat der Monserrat als ferner blaugrauer Umriß über den Horizont hervor. Je mehr sich unser schaukelnder Wagen ihm näherte, desto mehr traten auf dem Kamme des wunderbaren Berges die zahlreichen Kegel hervor, die ihm den Namen gegeben haben und die ihm von weitem eine Aehnlichkeit mit einer Unterkinnlade etwa eines Höhlenbären geben. Bei Molins del Rey überschritten wir auf einer schönen steinernen Brücke den Llobregat, ein Fluß, der hier, einige Stunden vor seiner Mündung in das Meer, etwa der Saale bei Halle gleichkommt. Wir blieben nun an seiner rechten Seite, meist dicht an seinem hohen Ufer. Dieses steigt vor Martorell, einem gewerbsfleißigen Städtchen, beträchtlich empor. An diesem hohen Ufer in das Städtchen jäh hinabfahrend, entfaltete sich vor unseren Augen eine unvergleichlich schöne Landschaft. Zur Rechten hatten wir tief unter uns den rauschenden Llobregat, links den zu bedeutender Höhe [205] sich fortzusetzenden Uferhang, dicht vor uns das Städtchen Martorell, zu welchem eine hochgeschwungene Brücke, die Puente del Diablo über den Llobregat führt, und über all diesem die mannichfaltigste Berglandschaft, aus welcher gerade vor uns der breite zackige Rücken des Monserrat hervorragte. Ich schwelgte in den Reizen dieses entzückend-schönen Landschaftsbildes, welches durch die fremdartige Gestalt und das graue Alterthum der Brücke wesentlich gewinnt, deren Fundament und ein verfallener Triumpfbogen an ihrem einen Ende, der alten Charthagena, man behauptet sogar bestimmt, dem Hannibal angehört.

Nachdem in Martorell frische Maulesel vor unsern Wagen gespannt waren, ging es schnell weiter nach Esparraguera zu. Der bisher ziemlich klare Himmel bedeckte sich mit Regenwolken und nun sah der uns schon ziemlich nahe Monserrat vollkommen aschfarbig aus und schien aus zackigem Bimstein zu bestehen. In Esparraguera übernachteten wir, nachdem wir in der für Spanien ganz guten Posada an einem frugalen Nachtessen und feurigem Wein uns gelabt hatten. Wir gönnten uns nur eine kurze Nachtruhe und am andern Morgen ließen wir uns von einem Führer nach dem Dorfe Colbatò, welches dicht am südlichen Abhange des Monserrat liegt, bringen. Um unseren so genußreich verlaufenen 24. März in jeder Hinsicht genußreich zu machen, fanden wir in der sehr freundlichen und reinlichen Posada del Monserrate ein leckeres Frühstück von Chocolade, Eiern und würzigem Wein. Gegen 8 Uhr traten wir unsere Wanderung an. Voran unser Wirth als Führer, auf leichten Sandalen den hüpfenden Schritt des Bergsteigers uns voranschreitend. Seine Führung war eine durchaus durchdachte. Er begann an dem weniger malerischen und nicht beschwerlichen Theile des Weges und stieg zu immer entzückenderen und beschwerlicheren Parthien an, bis er zuletzt unser Leben geradehin in Gefahr brachte, das er aber auch kräftig schützte. Der muntere Petro Bacarisas aus Colbatò wird mir unvergeßlich sein und sei hiermit den Lesern und Leserinnen der „Gartenlaube“ empfohlen, wenn sie dem Monserrat einen Besuch machen wollen.

Der Monserrat ruht, wenigstens nach einer Untersuchung seiner Südseite, aus einer braunroten sandsteinartigen Unterlage, welche aber bei näherer Untersuchung auch wie der Berg selbst ein Conglomerat ist, in welchem das Bindemittel über die eingebackenen Rollsteine sehr vorwaltet. Der Monserrat selbst macht durchaus den Eindruck, als sei er durch vulkanische Gewalt empor gehoben worden, und doch ist er das Werk des Wassers. Um sich einen Begriff von seiner Felsart zu machen, so denke man sich ein Mauerwerk, welches aus Erbsen bis mehr als Kürbis großen abgerundeten Steinen aller Art und einem braunröthlichen Mörtel besteht. Die verwittertet, stets ganz glatten Wände der meist kissenförmigen Felsen erscheinen aber ganz hell grauweiß. Ihre horizontale Schichtung in mächtige Bänke kann man nur selten erkennen, weil sie senkrecht durch reiche mit niedrigem immmergrünem Buschwerk ausgekleidete Schluchten gewaschen sind und man aneinander und übereinander gelegte Säulen zu sehen glaubt. Bei Colbatò, welches großenteils auf einem mit Quarzschnüren durchzogenen und vielfältig in seinen Schichten gestörten Gneis ruht, fand ich einen kleinen sehr regelmäßigen Kegelberg, den ich seiner dunkelgrauen Farbe und seiner Gestalt wegen für einen Basaltdurchbruch hielt. Ich fand aber, daß er aus einem dichten Kalk bestehe, dessen Schichten fast auf dem Kopfe, gegen den Monsterrat zu, aufgerichtet stehen.

Im Aufsteigen unterhielten mich die immergrünen niedrigen Gesträuche, die aus allen den zahllosen Schluchten und Rissen hervorsprießen. Es waren meist niedrige Eichenbüschchen mit stachligen Blättern, Haidearten, Rosmarin, Lavendel, Buchsbaum, Seidelbaste und der bei uns so oft im Zimmer gepflegte Laurentinus (Laurus Tinus), der eben zu blühen begann. Nach zweistündigem Marsche befanden wir uns auf dem Sattel des Gebirges, denn der Monserrat ist mehr so als ein Berg zu nennen. Auf dem nicht sehr breiten Sattel stehen zahllose Felsen von 200 bis 500 Fuß Höhe. Sie sind ganz hellgrau, fast weiß und stets glatt und mit abgerundeten Wänden. Meist gleichen sie in der Form riesigen Zuckerhüten oder plumpen Säulen, bald einzeln, bald truppweise beisammen; hier bilden zwei ein Thor, indem sie sich oben aneinanderlehnen und den Rahmen einer reizenden, kleinen Fernsicht bilden; dort stehen zwei mit ihrem Fuße dicht beisammen und streben oben mit ihren Spitzen auseinander. Meist sind sie durchaus unersteiglich. Nur einen dieser Kegel fanden wir durch ein auf seiner Spitze aufgepflanztes Kreuz als ersteigbar bezeichnet. Er schien aber nicht der höchste und so begnügten wir uns mit der an seinem Fuße nicht weniger schönen und umfassenden Aussicht. Diese zu beschreiben ist ein gewagtes Unternehmen. Ganz Catalonien lag zu unseren Füßen ausgebreitet. Keine Stelle, so groß wie ein Tisch, erschien uns eben - Alles bunt durcheinander geflochtene Berge und Thalschluchten, vom Llobregat und dem Noya durchschlängelt. Im Norden dehnte sich, so weit das Auge reichte, die blendend weiße Kette der Pyrenäen aus; über die Berge im Osten ragte das schneebedeckte Haupt des Monseny hervor, im Westen thürmten sich die valencianischen Gebirge; aber im Süden - da hing das blendende Tagesgestirn über einer Landschaft von unendlicher Schönheit. Zu unseren Füßen lag das freundliche Cobató; im Mittelgrunde ruhete Martorell im Schatten seines steilen Bergnachbars; zu seiner Linken über dem Silberbande des Llobregat konnten wir deutlich Hannibals Teufelsbrücke erkennen. So lös’te sich der südliche Horizont im Sonnenlichte allmählig in Duft auf und an zwei Stellen, über Barcelona und am Ausflusse des Llobregat, beide durch den blauen Hügel des Monjuy geschieden, trat das herrliche Mittelmeer hoch am Horizonte empor. Ueber Barcelona war es mit Sonnenschein in in weiter Ausdehnung übergossen, und nur hier konnte ich durch die Beleuchtung die Grenze zwischen Meer und Himmel erkennen; auf der andern Stelle gingen beide ohne Grenze in einander auf.

Freund Pedro ließ uns wenig Zeit; er trieb vorwärts. Er sagte uns vor dem Weitergehen, mit dem Arme über die Pracht zu unseren Füßen hinstreifend: „Alles, was Sie jetzt als kahle, rothe Erde sehen“ - und unsere ganze erkennbare Umgebung sah so aus - „das sind alles Weingärten.“ Er führte uns nun in die tiefe Schlucht, welche den Monserrat in seiner Längenausdehnung von Westen nach Osten spaltet, und in der, wie in den Eingeweiden eines thierischen Körpers, der ganze wunderbare Bau des phantastischen Bergriesen sich uns [206] offen darlegte. Zunächst sahen wir mehrere zerstörte und verlassene, einstmals aber gewiß ganz wohnlich gewesene Einsiedeleien, deren es 12 giebt. Den Besuch der einen werde ich nie vergessen. Von einer tieferen Stufe der Schlucht ragte vor mir ein Riesenkegel von vielleicht 600 Fuß senkrecht empor. Ungefähr in der Mitte der Höhe seiner glatten Wand sahen wir, mir wenigstens erschien es täuschend so, das angemalte Bild eines verfallenen Häuschens, denn Körper schien mir das Ding nicht zu haben und – nach einer halben Stunde saßen wir in dieser kleinen Ruine der Einsiedelei und verzehrten einen mitgenommenen Imbiß. Wie wir dahin gekommen sind, weiß ich jetzt kaum mehr; nur so viel weiß ich, daß ich, hätte ich vorher von unten Menschen darin gesehen, ich sie für verlorene Verbannte oder für Verzauberte gehalten haben würde. Oft fragten wir mit einigem Grausen unseren munter voranschreitenden Führer, der mit seinen nachgiebigen Sandalen einen sicheren Tritt hatte, „dahinauf“ oder „dahinunter sollen wir?“ Doch es ging überall glücklich für alle Drei. Der Zauber der herrlichen Natur strömte Kraft und Muth durch unsere Leiber. Ich fand in der Schlucht die Pflanzenwelt viel üppiger als auf dem südlichen Abhange. Meine Mütze war nun ringsum mit duftenden Zweigen besteckt, jetzt kam ein frisches Lorbeerreis dazu und nun umweheten mein Gesicht die süßen Düfte dieses Dichterbaums wie die Seufzer der vor dem Apollo fliehenden Daphne. Ich hatte den balsamischen Duft des frischen Lorbeers noch nicht gekannt und nicht geahnet. Der Buchsbaum schoß in der Schlucht zu Stämmchen von 4–5 Ellen empor. Ich brach mir eins der schlankesten zu einem Stocke ab. Das feine harte Holz sprang leicht, fast wie Glas, vom Wurzelstocke ab.

Plötzlich traten wir dicht an den jähen Schlund und tief unter uns lag – vielleicht die malerischeste Lage eines Hauses – in schwindelnder Vogelperspective das Kloster des Monserrat oder wie sein Name ist Convento de Nuestra Sennora del Monserrate. An den steilen Wänden der Schlucht abwärts steigend, waren wir nach einer halben Stunde in der – Wiege des Jesuitismus, denn hier hat Ignatius Loyola seine weitverzweigende „Gesellschaft Jesu“ erdacht. Und wahrlich, man muß den Monserrat durchstiegen und wie wir, seine Wanderung durch denselben am Kloster geendigt haben, um die furchtbare Gewalt und Consequenz des Loyola’schen Systems zu begreifen. Durchdrungen, wie ich es bin, von der Ueberzeugung, daß die Umgebung zu einem großen Theile den Menschen und seine Gedanken macht, konnte ich begreifen, wie gerade hier der Jesuitismus erdacht sein konnte. Ein Mönch, an den wir empfohlen waren, zeigte uns in schwindelnder Höhe über dem Kloster die Mauerüberreste einer kleinen Klause, wie ein Schwalbennest auf die Spitze eines Felsenkegels geklebt, wo der furchtbare Mann die Schlingen und Ketten seines Netzes erfunden, oder, wie der Mönch sagte, in heiligen Bußübungen Tage und Nächte verbracht hat. Was die kühnste Phantasie eines Malers ersinnen kann, – um das Kloster herum ist es überboten. Es liegt am östlichen Ausgange der Schlucht, welche das ganze Gebirge tief spaltet. Hier erheben sich die mächtigen Felsenkegel zum Theil unmittelbar aus den schäumenden Wellen des Llobregat und überragen das gegen 2000 Fuß über dem nahen Mittelmeere gelegene Kloster noch um ein Bedeutendes. Ihre Spitzen gestalten sich gerade hier zu den bizarresten Formen. Aus den Fenstern der Südseite sieht das Auge an den schroffen Felsen, die Oeffnung der Schlucht begrenzend, bis an das Meer, in welchem man bei hellen Wetter die Berge der balearischen Insel Malloria sehen kann. Nach Osten liegt vor dem Beschauer jenseits des nahen Llobregat ein bunt durcheinander geworfenes Berglabyrinth, welches je weiter, desto mehr ansteigt und über welches zuletzt der weiße Scheitel des Monseny hervorblickt. In der unmittelbaren Nähe des Klosters herrscht das ganze Jahr hindurch eine Todtenstille, denn nur seltene Besuche Fremder und Solcher, welche dem einsamen Mönchsleben die Bedürfnisse zuführen, kommen bis hieher. Kaum ein Vogel, die überhaupt in Spanien sehr mangeln sollen, unterbricht die zur Beschaulichkeit einladende Stille dieses zauberischen Plätzchens unserer Mutter Erde.

Doch ich muß zum Ende drängen, wie unser Führer zum Aufbruch drängte, nachdem wir flüchtig die Klostergebäude, seit der Zerstörung durch die Franzosen größtentheils in Ruinen liegend, durchwandert waren. Es sollte noch zu der Tropfsteinhöhle gehen. Schon war es 4 Uhr und noch sollten wir bis zur Höhle eine volle Stunde brauchen. Der Weg führte uns abermals an den kaum gangbaren Wänden der Schluchten hin, wobei zwischen uns und dem Tode hundertmale kaum ein Fuß breit sicheren Bodens war. Endlich waren wir vor der Höhle. Ich wagte es nicht mit hineinzugehen, weil ich zu sehr erhitzt war und nichts sehen mochte, was ich in der Adelsberger Höhle in Illyrien viel schöner gesehen hatte. Ich mochte den Monserrat, von dem ich bezaubert war, in seiner jedenfalls viel weniger schönen Höhle nicht bemäkeln. Ich setzte mich einstweilen auf einen Stein am Eingange der Höhle. Vom Thale aus habe ich wahrscheinlich wie ein kleines Menschenbild, auf die vollkommen senkrechte Wand hingemalt, ausgesehen. Ich hatte keine Ahnung davon, wie hier hinunter zu kommen sein sollte, und, ich muß es gestehen, es wurde mir fast um mein Leben bange. Denn um Knochen handelte es sich hier nicht blos. Ich wußte, daß es einer Strickleiter bedürfen würde und daß zu unserem Heruntersteigen noch 2 Gehülfen von Colbató hierher beordert waren, welches tief unten zu meinen Füßen lag. Es ging aber für Alle glücklich von Statten, obgleich an zwei Stellen der Fehltritt eines Zolles der Kaufpreis unseres armen Lebens gewesen sein würde. Doch war mir für diesen halsbrechenden Schluß der Hochgenuß des Tages nicht zu theuer erkauft, obgleich ich mir und den abwesenden Meinigen stillschweigend das Wort gab, solche augenscheinliche Gefahren hinfüro hübsch zu vermeiden.

Leider gelang es mir nicht, in Barcelona ein erträgliches Bild des wunderbar schönen Monserrat zu finden. Ueberhaupt steht die Kunst in Spanien auf einer sehr tiefen Stufe. In dem großen Barcelona sah ich von Lithographien eigener Fabrik nur elende Machwerke. Desto mehr habe ich mich gefreut, im Kloster des Monserrat in die Fußtapfen eines Frankfurter Freundes, des berühmten Landschaftsmalers Fritz Bamberger, zu treten. Er hat im vorigen Sommer in den reizenden Labyrinthen des Monserrat fleißig gezeichnet. Vielleicht erhalten wir durch ihn bald ein treues Bild dieses Naturwunders.

[248]
IV.
Abschied von Barcelona und Küstenfahrt bis Alicante.


Am Bord des Mercurio im Grao von Valencia den 30. März.      

Nachdem ich zwei volle Wochen ziemlich unthätig in Cataloniens Hauptstadt zugebracht hatte, vergeblich auf besseres Wetter wartend und an ein von hier nach Alicante abgehendes Dampfboot der Gesellschaft „Navegaciony Industria“ durch Vertrag von Marseille an gebunden, veranlaßte mich zum Abschied mein verehrter Freund v. Gülich zu einem Ausfluge nach dem Tividavo, dem höchsten Punkte der Hügelkette, welche Barcelona nordöstlich umgiebt. Niemand, der nach einem kurzen Aufenthalt in dem schönen Barcelona dessen nächste Umgebung kennen gelernt hat, darf versäumen, vom Tividavo aus einen umfassenden Abschiedsblick auf eine der reizendsten Landschaften zu werfen, deren das schöne Spanien so viele besitzt.

Eine Tartane brachte uns bis zum Flecken San Gervasio, der schon ziemlich hoch gelegen ist. Von da aus erreichten wir in kaum einer Stunde den Gipfel des sanft ansteigenden Tividavo und gegen meine Erwartung fand ich auf dieser unbedeutenden Höhe, gewiß noch nicht 1000 Fuß über dem Meere, ein vollkommenes Rundgemälde von großer Ausdehnung. Vor mir, nach Süden zu, breitete sich die auch jetzt schon lachende Ebene aus, an deren Saume Barcelona am Meere liegt; ich sage: jetzt schon lachend, denn obgleich außer Oel- und Algarobabäumen des Baumlaubes noch entbehrend, war doch die Ebene mit üppigen Wintersaatfeldern bedeckt, aus denen zahllose kleine Ortschaften und Landhäuser hervorblickten. Hinter mir im Norden das ernste Gegenteil: eine düstere hundertgestaltige Berglandschaft, deren Ferne sich allmählig in graue Nebelwolken verbarg und mir auch den Anblick des Monserrat entzog, der sonst von hier in majestätischer Gestalt sichtbar ist. Doch mir ist gerade eine Beleuchtung, wie ich sie fand, viel erwünschter, als wenn die Sonne von einem wolkenlosen Himmel ihr Licht gleichmäßig über Alles ergossen hätte. Die Schatten der von einem ziemlich scharfen Luftzuge über den Himmel getriebenen Wolken zogen wie graue Gespenster über die ungeheure Ebene zwischen mir und dem Meere oder krochen wie Schlangen über die Unebenheiten der Berglandschaft hinter mir. In einer großen Landschaft, von bedeutender Höhe aus gesehen, ersetzen die Wolkenschatten die nicht mehr erkennbaren Gestalten der Thiere und Menschen, bringen in sie Leben und Abwechselung. Alles Einerlei wird langweilig: Glück wie Sonnenschein.

In San Gervasio wartete unsere Tartane und brachte uns schnell wieder nach Barcelona zurück. Wenn der Barcelonese eine Kutsche, – d. h. einen unseren Kutschen fast gleichen Wagen[2] – ein halbes Glück, una media fortuna, nennt, so möchte man im Gegensatz davon eine Tartane für ein ganzes Unglück zu halten geneigt sein, wenn man namentlich eine solche von einem feurigen Pferde durch die Löcher des Barcelonesischen Straßenpflasters gezogen und darin die hoch emporhüpfenden Insassen sieht. Es ist aber nicht ganz so schlimm wie es aussieht, wenngleich immer noch ziemlich schlimm. Eine Tartane ruht auf der Axe von zwei Rädern und hat einen von Wachstuch niedrig überwölbten länglichen Kasten, so daß sie einem Pulverkarren ziemlich ähnlich sehen würde, wäre sie nicht stets bunt und mit allerlei Zierratben angemalt. Die beiden Längsbänke der Tartanen ruhen auf starken Druckfedern, die einer vollständigen Bemannung einen leidlich angenehmen Sitz gewähren, einzelne Insassen aber wie einen Federball behandeln, wie es uns beiden erging.

Ich kann nicht von Barcelona in meinen Berichten scheiden, ohne noch ganz besonders dankend eines Mannes zu gedenken, der in mir deutsche Nation und Wissenschaft ehren zu müssen schien, welche beide er, für Spanier sehr ausnahmsweise, genau kannte. Es ist der Professor, oder wie es in Spanien heißt, Catedratico der griechischen Sprache an der hiesigen Universität, Don Antonio Bergnes de las Casas. Er hatte vor mehren Jahren in Verbindung mit noch einigen spanischen Gelehrten unter dem Namen „Germania“ eine Auswahl deutscher Werke zu übersetzen begonnen; allein die Herausgabe war, nachdem erst wenige Lieferungen erschienen waren, an den Machinationen des Klerus gescheitert.

Am Morgen des ersten Osterfesttages lichtete der Mercurio die Anker, um mich an dem herrlichen Panorama der Ostküste Spaniens hinzufahren. Das Wetter war anfangs hell und die bunte Abwechselung der vorübergleitenden Berge, unter denen lange Zeit der Monserrat die Hauptrolle spielte, gewährte mir eine angenehme Unterhaltung. [249] Aber bald trieb auch der Regen unter das Verdeck, der erst gegen Mittag aufhörte. Von da an blieb das Wetter klar und verstattete mir, das Schauspiel eines glühenden Sonnenunterganges hinter der prachtvoll gelegenen Stadt Castellon de la Plana. Kaum aber war die Sonne verschwunden, als ein heftiger Südwestwind eintrat, der sich bald zu einem ganz unzweideutigen Aequinoctialsturm steigerte. Vorhin trieb mich das Wasser von oben unter Deck, nun that es das Wasser von unten, denn so manche Woge versuchte mit Erfolg einen kühnen Sprung über unser Schifflein. Da der Sturm aber unserem Course gerade entgegen blies, so gab er der Bewegung des Bootes, dessen Maschine gegen ihn ankämpfte, eine gewisse, feste und stetige Haltung. Aber alle Augenblicke erbebte es bis in die innersten Theile, wenn eine Welle von vorn dagegen anprallte. Ich hatte Gelegenheit, meinen Gleichmuth zu erproben, denn aus der scharfen Aufmerksamkeit des Capitäns konnte ich abnehmen, daß die Lage des Schiffes keine ganz behagliche sei. Es behielt aber die Freude und das Staunen über die Großartigkeit der Erscheinung in mir die Oberhand über die Zaghaftigkeit. Ich stellte mich neben den Steuermann, einigermaßen vor den Wellen geschützt, so daß ich das ganze Verdeck vor mir hatte, und ließ meine trunkenen Blicke hinausschweifen über das bewegte Meer. Wir hatten in Barcelona eine bedeutende Anzahl Soldaten mit an Bord bekommen. Die Aermsten lagen jetzt großentheils ohne Schutz vor Wind und Wellen auf dem Verdecke umher, theils dichtzusammenhockend, um einer von des anderen Wärme zu profitiren, theils unter allerhand zerlöcherten Hüllen, welche ihnen die mitleidigen Matrosen geliehen haben mochten. Der Capitän war in seine Koje gegangen, er schien also keine Gefahr mehr zu befürchten. Ich war mit dem Steuermann, außer den Soldaten, die mehr als Leichen auf einem Schlachtfelde zu liegen schienen, das einzige lebende Wesen auf dem Verdeck. Der Himmel war vollkommen klar und ohne Wolken und der fast noch volle Mond beleuchtete mir hell das imposante Schauspiel, in dessen Anblick ich nicht müde werden konnte. Obgleich das vor mir liegende Verdeck bald abwärts bald aufwärts, bald rechts bald links geneigt erschien und ich mit ausgespreizten Beinen mich fest an der Brustwehr festhalten mußte, so bemerkte ich doch zu meiner Freude, ja mit einem gewissen Stolze, daß ich durch das furchtbare Schwanken des Schiffes nicht im mindesten belästigt wurde und ich darf glauben, einer von den Wenigen zu sein, welche die Seekrankheit verschont. Ich ging endlich in meine Koje und machte mir mit meinem Pelze mein behagliches Lager noch behaglicher, und schlief trotz der fortwährenden Stöße bald ruhig ein. Ich legte mir die Frage vor, ob man in einem Hause, welches, wenn auch ohne Gefahr einzustürzen, immer schwanke und an dessen Thor in kurzen Zwischenräumen mit Balken- und Mauerbrechern gepocht werde, wohl würde schlafen können? Als ich erwachte, war aller Sturm vorüber und das Schiff nur noch in einer wiegenden Bewegung. Von der Sonne erleuchtet, wechselte ohne Unterlaß die durchaus berggesäumte Küste in bunter Mannichfaltigkeit ihrer Formen. Aber auch hier Alles noch kahl und laublos. Tortosa mit der Ebro-Mündung waren wir in der Nacht passirt. Von den folgenden Küsten-Orten nenne ich nur noch Murviedro, das alte Saguntum, das mir alle meine spanischen Reisegenossen mit einem gewissen nationellen Stolze wiesen. Man lebt auch hier von der Vergangenheit! Ob man an eine Zukunft denkt, möchte ich bezweifeln.

Um 12 Uhr des zweiten Ostertages kamen wir am Grao vor Valencia an und jetzt, indem ich dieses schreibe, liegt mit mir der Mercurio schon seit 24 Stunden hier vor Anker, die er auch erst in 6 Stunden lichten wird, um in der Nacht die Fahrt bis Alicante zu machen. Anfangs hieß es, daß wir nach wenigen Stunden weiter fahren würden, bis daraus nach und nach ein und ein halber Tag wurde. So lange liege ich vor dem „Garten von Spanien“, ohne ihn betreten zu haben. So weit ich ihn vom Bord aus beurtheilen kann, ist aber auch in ihm der Lenz noch nicht eingezogen und so tröste ich mich. In einigen Wochen werde ich ihn von Murcia aus um so blühender antreffen.

Mein Aufenthalt auf dem Schiff ist auch nicht ohne Unterhaltung. Das Meer liegt ruhig wie ein Landsee vor mir da und am Horizonte schimmert eine Heerde weißer Vögel – die Fischerbarken, welche, meist zu zweien, seit dem Morgen mit Fischen beschäftigt sind. Kein Lüftchen regt sich und die Sonne wärmt mich daher, nach so viel ausgestandener catalonischer Kälte, echt valencianisch durch, ohne jedoch lästig zu werden. Ich bin unumschränkter Herr der 1. Kajüte, denn zufällig waren alle meine Reisegefährten in Valencia an ihrem Ziele, und so hatte ich mich denn an der langen Tafel, nachdem ich allein mit dem Kapitän gefrühstückt habe, häuslich mit Leipziger Schreibzeug zu diesem Briefe nach Leipzig niedergelassen.

[278]
V.
Alicante.


Alicante, den 2. April 1853.      

Alicante – wem wässert nicht der Mund bei diesem Namen nach dem süßen Alicant-Wein! Ach wäre dies Wasser alles hier, so würde es vielleicht mehr Alicant-Wein geben. Hu! wie schrecklich Wassermangel ist, habe ich in einem Tage hier tiefer begriffen, als man sich es in einem Jahre denken kann. Und doch haben die Leute hier so gut wie um Valencia ihre Huerta, ihren Garten, wie sie die mühsam bebaute Gegend längs des Meeres nennen.

Alicante wurde mir im Schlafe gegeben, d. h. ich erwachte in meiner Koje erst durch das Stillstehen der Dampfmaschine und hatte kaum Zelt mich anzukleiden und meine sieben Sachen zum Landen zurecht zu machen. Auf dem Verdeck überraschte mich eine eben so großartige als öde [279] Landschaft. Stadt und Umgebung - Felsen und Ebenen - Alles hat denselben weißlich erdfahlen Ton. Die Stadt liegt etwas ansteigend, ganz wie eine maurische Stadt an dem unbedeutenden Hafen. Die dachlosen Häuser ließen mir hier mehr als in dem freundlicheren Barcelona die Straßen wie nach einem Brande erscheinen. Würde man einen Deutschen plötzlich in eine der neuen aber ziemlich engen Straßen Alicante´s versetzen, er würde zweifelsohne glauben, es habe eine Feuersbrunst von allen Häusern, hoch und niedrig bunt durcheinander stehend, die Dächer verzehrt.

Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen den Eindruck beschreibe, den Stadt und Umgegend nach mehrstündigem Herumstreifen auf mich gemacht hat, tiefer, als ich je vorher irgend einen Eindruck erhalten habe.

Rechts erhebt sich neben der Stadt ein hoher steiler Felsen, den die Citadelle krönt. Er ist wie Alles von erdfahler Farbe und im buchstäblichsten, trostlosesten Sinne des Wortes kahl und todt, als wäre vor kurzem rings um ihn herum die Oberfläche abgesprengt worden. Hinter der Stadt dehnt sich eine Ebene aus, von einer Stunde Durchmesser etwa, und jenseits derselben, links bis an das Meer herantretend, wie immer an der spanischen Küste, so weit ich sie bis jetzt gesehen habe, eine Kette malerischer nackter Berge. Alles anscheinend öde und todt. Nachdem ich endlich aus den Klauen der kleinlichen Aduana erlöst war - ein Peseda (4 Ngr.) waren ein schnelles Erlösungsmittel gewesen, ich kann aber einmal einen Beamten nicht für bestechlich halten – und in der Fonda del vapor meine Sachen untergebracht hatte, lief ich hinaus, landeinwärts, um Leben, Pflanzen- und Thierleben, zu suchen. Alles was ich fand - es war sehr wenig - lechzte nach Wasser. Kleine Felder Wintergerste und Bartweizen (Triticum durum) hatten bereits verblüht und, da die Bewässerungszeit wahrscheinlich längst vorüber war, so müssen sie nun aus der Luft die nöthige Feuchtigkeit zum Reifen ihrer Körner saugen. Ich verstand die Aufschrift über dem Eingange des großen Amphitheaters zu den Stiergefechten: Entrade á la Sombra, Eingang in den Schatten! Es war die Abendseite für die Reichen. Die Armen müssen auf der Ostseite braten. Wohin ich sah - nirgends sah ich einen Tropfen süßen, trinkbaren Wassers. Alle die wenigen tiefen Brunnen, aus denen Maulthiere mit verbundenen Augen in ewigem Kreisgange mittels einer Schnecke das Wasser zum Bewässern herausholen, enthalten, wenn auch nur wenig, aber doch salzigschmeckendes ungenießbares Wasser. Ich trank nachher am Tische des englischen Consuls mattes Cisternen- also Regenwasser. Anderes giebt es in Alicante nicht! Uebrigens herrscht auch hier der Bastard von Winter und Sommer, den man hier Frühling nennt! Alle sommergrünen Bäume noch laublos - das Getreide im Verblühen; kein Insekt, keine Schnecke noch zu sehen - Die Dattelpalme fing eben an ihre mächtigen Blüthentrauben zu entfalten. Lauter Contraste! - Aber für den Botaniker sproßte zwischen den Steinen der trocknen Hügel dennoch eine reiche Ausbeute. Es schmerzte mich, hier noch nicht, da ich übermorgen weiter nach Süden will, zum Botanisiren vorbereitet zu sein. Jede Pflanze war mir neu und interessant. Hier sah ich auch, was ich in einem früheren Briefe voraussagte, die gigantische Opuntia an ihrem Platze. Auf kahlen Felsen, neben niedlichen blühenden Kräutern, stand der Riese über mannshoch am Dache einer Hütte, die in den bröckeligen Felsen hineingewühlt war, um einigen Schutz vor der Hitze zu haben. Zu meiner Verwunderung sah ich nirgends eine Spur von der Agave.

Nach dem Mittagsessen führte mich der englische Consul, Colonel Barrie, auf sein Landgut. Ich möchte wissen, was ein deutscher Handelsherr zu dem Landgute des englischen Consuls in Alicante gesagt haben würde! Eine felsige Oede, darin einige kleine Getreidefelder von Hafer, Gerste und Weizen, einige noch niedrige Dattelpalmen, einige Feigen- und Algarrobebäume und einige Opuntien. Das war das Landgut! Als ich den Besitzer fragte, ob einige junge Opuntiapflanzen wild gewachsen oder und dann wozu gepflanzt seien, sagte er, „gepflanzt! um auf dem dürren Felsen etwas Grün zu sehen, und nebenbei der Früchte wegen.“

Hätte ich es nicht von drei Personen gehört, so würde ich es jetzt nicht weiter zu erzählen wagen: es hat in Alicante seit neun Jahren nicht geregnet, ausgenommen seltene halbstündige Sprühregen!

Dennoch haben die von der Natur so stiefmütterlich behandelten Menschen einen bessern Eindruck auf mich gemacht, als die Catalonier. Sie sind mehr echte Spanier. Später, wenn ich sie näher kenne, werde ich Ihnen von denselben erzählen. Wo diese thätigen Leute Wasser hinbringen können, da entfaltet sich aber auch ein fabelhafter Pflanzenwuchs. Auf einer neu angelegten Plazuela waren die jungen Ulmen in zwei Jahren, wie bei uns in zehn gewachsen, und auf den Beeten prangte am 30. März der üppigste bunteste Blüthenflor. Aber nirgends sah ich Orangen und die andern zahlreichen immergrünen Büsche Cataloniens.

Mit einem Worte: die Sonne ist machtlos ohne Wasser! Beide aber sind die verbündeten Zauberer, welche die Erde zu einem Garten machen.




Den 3. April. 

Um mir eine möglichst vollständige Uebersicht über die so fremdartige Landschaft, welche Alicante mit seinen Umgebungen bildet, zu verschaffen, bin ich heute den ganzen Tag herumgelaufen. Wenn man sich an die Dürre des Bodens und die Sparsamkeit des Pflanzenwuchses gewöhnt hat, so findet man bald Geschmack an der Schönheit der großartigen Berglandschaft, in welcher die morgenländisch aussehende Stadt am Ufer des blauen Meeres liegt. Hinter der Huerta (zu Deutsch Garten) erheben sich zunächst niedrige, zum Theil mit Außenwerken gekrönte Hügel, denn Alicante ist eine Festung. Hinter diesen Vorbergen erheben sich in malerischen Umrissen bedeutende Berge in immer weiterer Ferne, bis die entferntesten als blaue Schatten halb verschwinden. Als ich mich von der Puerta de San Francisco links nach der Küste gewendet hatte, wurde ich durch einen kleinen Opuntien-Wald überrascht, denn so konnte man ihn wohl nennen. Von doppelter Manneshöhe und mit kurzen mannsdicken Stämmen bildeten die bizarren Gewächse ein undurchdringliches Dickicht. Ein solches Opuntiengebüsch macht einen wahrhaft märchenhaften Eindruck. Wehe dem, der die riesigen, eirunden Stengelglieder berührt, denn die feinen Stachelbündel dringen tief in die Haut ein und verursachen einen heftigen [280] Schmerz. Ich wollte mit einem dicken hirschledernen Handschuh ein Glied abbrechen und hatte die ganze Hand voll Stacheln, die ich nur nach langer Mühe wieder loswerden konnte. Nach einer Stunde größtentheils vergeblichen Suchens nach Insecten und Mollusken sah ich mich plötzlich beim Umbiegen um eine kleine Anhöhe in einem Palmengarten. Ich zählte gegen 50 Dattelpalmen, zum Theil wohl von 40 Fuß Höhe. Ich wunderte mich, das stolze Gewächs in allen Stufen der Entwickelung zu finden. An einigen öffnete sich eben erst die Scheide, um den Blüthenbüschel heraustreten zu lassen; andere standen eben in der Blüthe und einige hatten bereits ziemlich reife Früchte. Mehr noch als die Agave und die Opuntia gemahnte mich dieser kleine Palmenhain wie unzweideutiger Süden. Der Wind strich durch die eleganten Kronen und brachte einen eigenthümlichen, nicht säuselnden oder rauschenden Ton hervor. Er war bedingt durch die starren steifen Fiedern der majestätischen Blätter.

Wie die Pflanzenwelt überhaupt nur in neuen, mir nicht vertrauten, Formen mir entgegentrat, so habe ich heute nach einer langen Wanderung durch das echt orientalische Labyrinth der engen und unregelmäßigen Gassen der Stadt auch die Menschen von einem durchaus südlichen Typus gefunden. Daß die höheren Stände die allgemeine französisch-europäische Kleidermode besitzen, versteht sich von selbst. Dagegen herrscht bei den mittlern und untern Classen durchaus die nationale Tracht, von der ich, wie ich schon vorher bemerkte, in einem späteren Briefe eine vergleichende Schilderung versuchen will. Aufgefallen ist mir die durchgehends fast häßlich zu nennende Gesichtsbildung der Frauen Alicante’s. Außerordentlich häufig sah ich einen zigeunerfahlen Gesichtsschnitt, nichts was an die berühmte Schönheit der Castilianerinnen und Andalusierinnen erinnerte. An schönen Kleidern und an unbeschreiblich häßlichen alten Weibern ist Alicante reich.

[336]
VI.
Spanisches Leben.
Lorca.      

Obgleich es vielleicht etwas gewagt ist, jetzt schon über spanisches Leben zu schreiben, nachdem ich erst 6 Wochen in diesem von Deutschland durch und durch verschiedenen Lande bin, so mag mich der Umstand entschuldigen, daß ich mehr Beobachtungen als Urtheile mittheilen werde.

Ich schreibe diese Zeilen in einer Stadt, wo mich durchaus rein und unvermischt mit fremdländischen Anklängen spanisches Leben umgiebt. Auch in Cartagena [337] und Almazarron, über welche Orte ich hierher gereist bin, war dies der Fall, obgleich erstere Stadt ein Hafenort ist. Daß ich mich für das Leben in Spanien bis jetzt nicht im allermindesten begeistert fühle, mag immerhin zum Theil von meiner geringen Kenntniß der Sprache herrühren und daher, daß mich von Murcia an mein Weg durch die trostlosesten Gegenden geführt hat, die blos da zu sein scheinen, um malerische Scenen aufzustellen und dem Menschen den Mangel des Wassers fühlbar zu machen. Aber auch ohne diese Gründe glaube ich meinem Freunde von Gülich täglich mehr, daß es einem Deutschen, der nicht über Gelderwerb über andere Entbehrungen hinwegsieht, nun und nimmermehr unter den Spaniern gefallen kann. Eins – ich bitte immer zu beachten, daß meine Beobachtungen von denen mehrerer lange Jahre in Spanien lebenden Deutschen unterstützt werden – Eins vermißt man bitter, das ist die deutsche Wärme und Gemüthlichkeit. Außer diesem Mangel, den ein Deutscher bitter fühlt, vermißt der deutsche Gelehrte in Spanien das Interesse für die Wissenschaften. In einem gewissen Grade ist aber jeder Deutsche an Bildung ein Gelehrter. Ich unterscheide hier wohl zwischen Professorenthum und humaner Gelehrsamkeit! Der Kunstsinn der Spanier dreht sich nach meinen jetzigen wenigen Beobachtungen um einige spanische Namen, unter denen Murillo obenan steht. Wie ich in Murcia nicht die Spur von Kunsthandel fand, so fand ich es auch in Cartagena, so fand ich es hier. Am Tage meiner Abreise von Murcia war unter pomphafter Ankündigung eine lithographische Ansicht von dieser schönen Stadt erschienen, die füglich für den ersten stümperhaften Versuch eines Anfängers in der Lithographie gelten kann.

Doch das gehört ja nicht zu „spanischem Leben“ im engeren Sinne. Um das „Leben“ zunächst recht materiell aufzufassen, so muß ich kurz von der spanischen Küche etwas sagen: und wenn die neue physiopsychologische Schule darin Recht bat, wie sie es hat, daß die Nahrung auch den geistigen Menschen, nicht blos den leiblichen macht, so ist das Departement der Küche ein hochwichtiges. Sie ist gründlich von der Deutschen verschieden. Die französische steht zwischen ihr und der deutschen, und uns gilt schon die französische für zu gewürzt, zu – lasciv möchte ich sagen. Die spanische schwimmt in Fett, Speck, Oel, Butter und Gewürzen. Was sie von der leichten Beschwingung des deutschen Geistes übrig lassen würde, das vernichtet der schwere feurige Wein. Mein Hauptreiseleiden ruht in der spanischen Küche. Nur wenige Gerichte esse ich mit Appetit. Barcelona ausgenommen habe ich bisher kein Quellwasser getrunken. Von Bier einigemale, selbst in Cartagena, nur ein verfehltes Conterfei. Für den geistigen Kaffee und den phantasiereichen Thee liebt man im Süden Spaniens die nährende und aufregende Chocolade. Kurz, der Spanier ißt und trinkt nach meinen bisherigen Beobachtungen sehr massiv. Dabei ist für das Bedürfniß Fremder sehr schlecht gesorgt. Eben jetzt erlebte ich ein auffallendes Beispiel davon. Ich bin in Lorca mit meiner Tartana in einer Posada abgestiegen, was so ziemlich unsern deutschen Fuhrmanns-Wirthshäusern entspricht. Ich suchte, um etwas besser zu essen, eine Fonda, aber in Lorca, einer Stadt von wenigstens 15000 Einwohnern, giebt es keine! Sie werden fragen, wie es dann junge und unverheirathete Männer machen, um nicht zu verhungern? Sie essen in einer Casa de Pupilos oder de Huespedes, was so ziemlich unseren abonnirten Familientischen entspricht. Immer vermiethen diese Casas auch Zimmer. Für einen Aufenthalt auch von nur einigen Wochen ist es dem sparsamen Reisenden daher stets anzurathen, die fast immer theure Fonda zu vermeiden und in einer Casa de Pupilos ein Unterkommen zu suchen.

Um aus der Küche in die übrigen Gemächer zu gehen, so habe ich in dieser Hinsicht fast nur Extreme gesehen; in dem Hause meines Murcianischen Gastfreundes und dem seiner Familie spanischen Luxus und in den Gasthäusern von Almazarron und Lorca – in Cartagena war es etwas besser – das Gegentheil. In Murcia traf ich einen großen Luxus in der Parketirung der Zimmer. Sie sind mit 8 Zoll im Geviert großen buntglasirten Steinguttäfelchen, Azulejos, ausgelegt, die vorzüglich in Valencia gemacht werden. Jedes Stück davon kostete meinem Freunde bis an seinen Platz gegen 5 Sgr. Ueberhaupt habe ich Breterdielen in Spanien noch niemals gesehen. In den meisten Zimmern besteht die Diele aus quadratischen Ziegeltäfelchen; in kleinen Orten aus bloßem Estrich, gleich einer Tenne, nur selten so eben und stark wie diese. Im Winter breitet man Espartodecken darüber, die sehr zierlich geflochten und meist schwarz, roth und gelb gemustert sind. In Spanien tritt also das Volk im wahren Sinne des Wortes die deutschen Farben mit Füßen. Dem Esparto muß ich einen eigenen Brief widmen. Nächstens hoffe ich dieses wohlthätige Gras in Blüthe zu sehen. Es ist jetzt das leibhaftige Bild der ursprungslosen Bescheidenheit. Es giebt nichts schlichteres, ja fast unbedeutenderes, als einen Esparto-Stock, und doch – kann das Volk – was man in Deutschland Volk zu nennen pflegt – ohne Esparto nicht bestehen. Außer der Bedeckung der Diele spielt der Esparto selbst bei den Reichen eine große Rolle als Bezug der Stühle, wozu wir sogenanntes, aber keineswegs in Spanien wachsendes, spanisches Rohr oder Stroh verwenden. Polstermöbeln sind ein unerhörter Luxus in Spanien. Ueberhaupt scheint der Spanier sehr einfach in der Ausstattung seiner Zimmer zu sein. Barcelona ausgenommen, wo ich alle Zimmer mit grellen Farben geschmacklos gemalt fand, habe ich bis jetzt nur weiße, aber spiegelglatte Gypswände gesehen. Den Luxus unserer Wagen kennt man wenigstens in Südspanien nicht. Eine Coche (spr. Cotzsche) ist eine deutsche Kutsche mit C-Federn, wie wir sie vor 30 Jahren hatten und hier eine Seltenheit. Das Entgegengesetzte ist eine Tartana, deren eine, mit einer Mula bespannt, mich jetzt einige Monate hindurch Schritt vor Schritt, buchstäblich! durch Spanien schleppt; ich habe sie Ihnen schon beschrieben. In der Mitte steht eine Galera, eigentlich nur eine längere Tartana mit 2 Räderpaaren, von denen das vordere kaum über halb so groß als das hintere ist. Sie hat auch blos 2 Längsbänke. Diese Beförderungsmittel [338] bringen mich natürlich auf die befördernden Kräfte: die Zugthiere. Dies sind im ganzen Königreich Murcia fast nur Maulesel. Pferde sieht man hier wenig; Maulthiere fast nie; dafür desto mehr Esel. Esel und Esparto, Esparto und Esel – darauf beruht der Transport fast aller Dinge im Königreich Murcia. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß ich bei einer halbtägigen Durchwanderung eines Bergwerkdistriktes der Sierra de Cartagena 2000 Esel gesehen habe, die in Espartokörben das Erz und die Kohlen nach den Hütten trugen. Ich wüßte auch in der That nicht, wie ohne Esel in diesen Berglabyrinthen die Beförderung des Erzes bewerkstelligt werden sollte. Als ich von Cartagena wegreiste, begegneten mir zahlreiche mit Espartowaaren beladene Esel. Ich möchte sagen, ein mit Esparteria beladener Esel auf einer Murcianischen Einöde könne das Symbol des Königreichs Murcia abgeben. Dazu sitzt nicht selten die Frau des Arriero mit einem Säugling noch obendrauf, während der Mann den Esel antreibt; und nicht selten bin ich an die Bilder der „Flucht nach Egypten“ erinnert worden. Uebrigens ist das Reisen, wenigstens im Königreiche Murcia, keineswegs so bequem und fördersam als in Deutschland. Beiwagen zu den Diligencias und Correos giebt man nicht; man muß also auf viel besuchten Straßen oft lange auf einen Platz warten. Mir blieb nichts übrig, als auf 2 Monate eine Tartana zu miethen. Diese kostet mich mit einem Mogo, Diener, der mich bei meinen Streifereien zu Fuß begleitet, täglich 2 Thaler. So kann ich täglich höchstens 10 Leguas machen, denn es geht rein gesagt im Takte eines deutschen Frachtwagens. Dies auf dem entsetzlichsten Wege in einer baum-, haus- und wasserlosen Gegend - dies darf ich recht billig unter die Schattenseiten spanischen Lebens setzen. Neben der uns Deutschen unglaublichen Unbekanntschaft des Spaniers mit dem Auslande – Gebildete nannten mehr als einmal den Erzherzog Albrecht den Bruder „meines Kaisers!“ – zeigen sie doch schnell eine große Theilnahme und Wißbegierde für Ausländisches, vornehmlich Deutsches. Dabei entwickelt der Spanier niederen Standes eine gewisse noble und würdevolle Haltung, welche ich mir mit seinem stolzen Charakter zu erklären suche. Er mag gern Neues hören, sehen, lernen; aber er schämt sich, blicken zu lassen, daß es ihm Neues ist. Meine Ankunft in der Posada hier war bald für die ganze Straße ein kleines Ereigniß. Man war nicht nur durch die seltsame Belastung meiner Tartana mit Kisten und Kasten, Botanisirbüchse, Insektenkästen, Hämmern und dergleichen auf mich aufmerksam geworden, sondern auch dadurch, daß ich sofort vom Marktplatze einen Schneckenverkäufer kommen ließ, um Schnecken, und doch nicht „zum Essen,“ zu kaufen. Binnen einer halben Stunde hatte ich nach und nach 12 Männer, manchmal vier auf einmal, auf meinem Zimmer; theils aus den mittleren theils aus den unteren Ständen. Aber alle zeigten dieselbe gemessene, anständige Haltung, durch welche sich der Spanier sehr auszeichnet.

Eine große Rolle spielt im Tageslauf eines Spaniers das Verfertigen und Rauchen eines Cigareto. Die harten Hände des Tagelöhners drehen im Umsehen mit dem kleinen Stückchen Seidenpapier, deren man aus einem deutschen Thalerschein 4 schneiden kann ein Cigareto und ehe man es denkt, ist es geraucht und auch schon wieder ein neues gedreht. Geht man mit brennender Cigarre auf der Straße, so bleibt oft ein zerlumpter Kerl vor Einem stehen und langt nach der Cigarre. Hat er daran die seinige angezündet, so erhält man mit einer graziösen Handbewegung sein Darlehn zurück. Gesprochen wird dabei meist kein Wort.

Der Volksgesang, den man zur Guitarre oder ohne so oft hört, ist meist ein wahres Schrecken für deutsche Ohren. Ich weiß nicht, welche von folgenden Bezeichnungen die richtigen sind. Er klingt, als wenn ein Betrunkener eines Anderen Gesang brüllend und dehnend nachäfft; oder als wenn ein Zorniger gezwungen wird, seinen Zorn im Gesange allmälig zu beschwichtigen.

Doch mein Plätzchen in der „Gartenlaube“ ist wohl ausgefüllt. Es ist Zeit, zu Bett zu gehen; morgen lasse ich mich bis Velej Rubio, dem himmlischen Granada wieder um etwas näher, fuhrwerken. Mein Leben ist hier nun einmal bis auf die Minute ausgetheilt und eingetheilt.

[371]
VII.
Murcia.


Murcia.  

Nachdem ich seit dem 1. Mai in dem Garten Murcia die jungfräulichen Reize eines südspanischen Frühlings-Erwachens genossen habe, will ich versuchen, Ihnen ein Bild von dieser wunderschönen Stadt und ihrer Umgebung zu malen, und von dem Wege, der mich hierher geführt hat.

Wäre ich aus Deutschland durch Zauberei plötzlich nach la Granja versetzt worden, durch welches mich mein Weg von Alicante hierherführte, ich würde geglaubt haben, in eine Scene aus Tausend und einer Nacht versetzt zu sein.

Doch ich bitte Sie, sich mit mir neben den Majoral auf den Bock der Diligence zu setzen; an die Stelle, wo mir zur Linken ein junger, steifer Engländer saß, der den Auftrag übernommen zu haben schien, umringt von unnennbaren Reizen der Natur eine Geschichte Napoleons (des Großen) zu lesen.

Elche, die erste Stadt, durch die wir kamen, ist selbst in Spanien berühmt, wegen ihres Reichthums an Palmen. Ich hatte schon viel von den Palmenwäldern Elche’s gehört, hatte aber nicht geglaubt, daß das Wort Wald so buchstäblich zu nehmen sein würde, wie es wirklich zu nehmen ist. Der Weg läuft buchstäblich eine Zeit lang im Schatten zahlloser Palmen, die trotz ihrer kahlen schlanken Stämme doch ein fast undurchsichtiges Dickicht bilden, weil die Bäume von allen Größen sind, und die niedrigen sogar fast noch üppigere Kronen haben, als die hohen. Von Elche an blieb uns lange Zeit die mächtige buntfarbige Sierra de Crevillente zur Rechten, während die Sierra Callosa sich quer vor unsern Weg legte, als wollte sie mir ihrer finsteren Miene uns den Eintritt in das Paradies wehren, welches im Süden dicht hinter ihr beginnt. Sie verläuft ziemlich genau von Ost nach West. An ihrem östlichen Ende, etwa eine kleine Stunde noch von ihr entfernt, liegt la Granja, dann kommt Coj[3], dann Callosa. Wir durchflogen mit unseren fünf Mauleseln diese Strecke in wenig mehr als einer Stunde, und während derselben glaubte ich die Bilder einer Zauberlaterne, erfunden von der glühenden Einbildungskraft eines morgenländischen Dichters, an mir vorübergleiten zu sehen. Es ist schwer, einem derselben vor den übrigen den Vorzug zu geben, doch steht la Granja am lebendigsten vor meiner Erinnerung. Es ist ein kleiner Ort, von mehr italienischer als spanischer Bauart, d. h. die Häuser haben nicht platte, sondern sichtbare niedrige Dächer mit mächtigen hellfarbigen Hohlziegeln gedeckt. Die meist kleinen Häuser überragt die blaue Azujelos-Kuppel der Kirche. Azujelos sind kornblumenblaue, glacirte Dachziegel. An jedem Hause fast schien ein Gärtchen zu sein, denn zahlreiche Palmen und Cypressen, oft ziemlich von der Größe unserer Pappeln, ragten überall empor. In naher Ferne senkte die düstere kahle Sierra Callosa die phantastischen Felsen ihres östlichen Fußes herab. Rechts die Sierra Crevillente und links die Ebene des Rio Segura – dies zusammen bildete ein Bild, wie meine an schönen Bildern so überreiche Reise bis jetzt kein schöneres geboten hat.

Bei Callosa überschritten wir den Fuß der gleichnamigen Sierra, der sich links am Wege noch einmal zu einem von einem Castell gekrönten Felsen erhebt; und nun waren wir in dem glücklichen Bereiche eines rastlos spendendem Wohlthäters. Dieser Wohlthäter ist der Rio Segura. Er macht eine ungeheure Strecke Landes zu einem Garten, welche ohne ihn eine unbewohnbare Oede sein würde. Es ist schwer, sich einen Begriff von der Sorgsamkeit und raffinirten Wasserausbeutung einer Vega oder Huerta zu machen, wie man die bewässerten Distrikte nennt. Ohne Zweifel ist diese wunderbare Meisterschaft in der Bewässerung ein Erbstück der Mauren, eins der sehr wenigen, welche christlicher Fanatismus nicht zerstört hat. Bei Alicante sah ich auf den staubigen oder steinharten Feldern nur verschmachtende nothreife Halme, – hier unabsehbare Fluren, das lebenspendende Wasser schlürfender Feldfrüchte. Der Regen hat hier eine völlig andere Bedeutung als bei uns in Deutschland. Er ist hier fast nur der Milderer der sengenden Sonnengluth. Ja ich möchte im Ernste glauben, daß der murcianische Landmann es dem Regen wenig Dank wissen würde, wollte [372] er ihm die Unterhaltung seiner Acequias und Azarbes (zu- und abführende Bewässerungsgräben) ersparen – weil er ihm zugleich seine Wege unfahrbar machen und ihn zum Wegebau zwingen würde. Das ist eine ganz eigene Sache. So weit ich die Vega von Murcia durchfahren und durchwandert bin, nirgends habe ich ein Steinchen von der Größe einer Haselnuß gesehen. Die tischgleiche Ebene ist eine mächtige Schicht bräunlich-grauen aufgeschwemmten (Alluvial-) Bodens, umhegt von den Sierra’s und Montaña’s (niedrigen Bergketten) und hier und da von einem Felskegel durchbrochen, wie eine Wiese von Maulwurfshügeln. Der fast gänzliche Mangel des Regens macht die gänzliche Vernachlässigung des Wegebaues – ausgenommen den camino real, eine prächtige Landstraße – wenig fühlbar, obgleich man im Staube aus einem Loche in das andere gehoben wird; wenn es einmal tüchtig regnet, so ist aber auch nicht fortzukommen.

Meine Besuche der Vega haben mir durchaus den Eindruck gemacht (schon auf meiner Fahrt von Callosa bis hierher, aber mehr noch aus meinen Ausflügen), als lebe hier das Geschlecht der Menschen in einem früheren Jahrtausend. Alles ist einfach und schlicht, ja sogar das große Murcia leidet an hunderterlei Bedürfnissen deutscher und französischer Lebensgewohnheit bitteren Mangel. Wohl zehnmal schon habe ich im gastlichen Hause meines Freundes, der zu den reichsten Murcianern zählt, von uns unentbehrlichen und nicht unnothwendigen Dingen die Erwiederung gehört: das können Sie in Murcia nicht bekommen. Der Pflug, der dem Bauer sein weiches Feld umkehrt, ist noch ganz das alte römische Aratrum. Man bat hier keine Ahnung davon, daß in England und Deutschland die zweckmäßigste Einrichtung der Ackergeräthe in hunderterlei Weise eine förmliche Wissenschaft ist. So groß Murcia ist, es zählt mit der natürlich dünn bevölkerten Vega über 50,000 Einwohner, so ist es doch nur eine Ackerbau und mit den Erzeugnissen desselben Handel treibende Stadt.

Die Stadt liegt am linken Ufer des Segura; mit ihr ist durch eine steinerne Brücke eine kleine Vorstadt, Barrio de San Benito, verbunden. Wie gewöhnlich in großen katholischen Städten wimmelt Murcia von Kirchen und Geistlichen. Auf die Beschreibung der ersteren lasse ich mich aber nicht ein, denn sie gehören nicht zu Natur und Menschen, die allein den Gegenstand meiner Mittheilungen ausmachen.

Das französische Element, welches in Barcelona so sehr hervorstach, ist hier, ausgenommen die Tracht der Männer in der Stadt, zumeist verschwunden. In einer Gesellschaft vornehmer Murcianer, in welcher ich eine Landpartie nach einer Posada der malerischen Montaña del Puerto de Cartagena machte, konnte ich mich mit meinem Freunde französisch unterhalten, ohne unberufene Zuhörer zu haben; nur Einer verstand etwas von der Weltsprache!

Die Frauen tragen durchgängig die Mantilla. Ich habe nur zwei französische Damenhüte gesehen, denn diese nationelle Bezeichnung muß man wohl denselben geben. Aber höchst abenteuerlich ist die Tracht der Bewohner der Huerta. Wenn man eine Gesellschaft derselben nach Deutschland versehen würde, so würden alle Kinder jubeln, daß wieder einmal – Seiltänzer bei ihnen eingezogen seien. Ihre Kleidung ist so leicht und luftig, wie nur möglich. Auf dem Felde tragen sie über dem weißen Hemd blos eine buntfarbige Weste von deutschem Schnitt, mit großen kugelförmigen, silbernen Knöpfen an kleinen Kettchen, eine rothe Schärpe und schneeweiße Leinwandhosen. Letztere reichen bis an das Knie und sind so weit, daß es aussieht, als haben die Leute das Hemd zwischen den Schenkeln mit einigen Stichen zusammengeheftet. Unter dem nackten Knie tragen sie bis an die Knöchel reichende Strümpfe ohne Socken, und die Füße sind mit echt antiken Sandalen, Alpargata, aus Hanfgeflecht bekleidet. Außer der Arbeit tragen die Landleute eine deutsche, meist dunkelblaue Tuchjacke und die malerische Manta. Als Kopfbedeckung eine kegelförmige, schwarzsammtne Mütze, die ringsherum etwa 4 Finger breit in die Höhe gekrämpt ist. Die Frauen und Mädchen, meist von untersetzter Gestalt, während die Männer kräftige, hohe Gestalten sind, lieben bunte Farben und tragen das Haar, namentlich am Domingo, Sonntag, in breiten Flechten auf dem Hinterkopfe mit silbernen Nadeln festgesteckt. Von den berühmten spanischen Tänzen habe ich nur erst einen, die Malagueña[4], tanzen sehen. Mehr als der ohne Grazie ausgeführte Tanz unterhielt mich das meisterhafte Castagnettenspiel – hier Castañuela – und der schreckliche Gesang, mit welchem eine alte Frau zu einer Guitarre die Tanzenden begleitete. Dennoch beneidete ich die Leute um den Tanz, gegenüber unserem deutschen Rasen auf den „Tanzböden,“ den Gräbern der Sittlichkeit und der Gesundheit.

Diese Huertabewohner sind unermüdet beschäftigt, nach fest bestimmter Reihenfolge, ihre Gärten, denn das sind sie mehr als Felder, zu bewässern und zu bearbeiten. Weizen und Bohnen (nämlich die sog. Sau- oder Pferdebohne, Vicia Faba) herrschen vor. In die Weizenstoppel säen sie noch Mais – der bei uns als Hauptfrucht nicht reif wird. Auf den Getreidebeeten stehen außerdem noch zahllose Maulbeerbäume, denn die Seidenzucht Murcia’s ist sehr bedeutend. Ueberall mischen sich die graurindigen knorrigen Feigenbäume dazwischen. Diese reiche Belaubung giebt der Huerta von einem hohen Punkte der Stadt aus gesehen ein ungemein heiteres Ansehen. Zwischen den genannten Bäumen ragen hier und da, namentlich um die ansehnlichen Landgüter der reichen Murcianer, die schlanken Palmen und Cypressen hoch empor. Und dennoch schleicht ein finsterer Dämon durch dieses Eden – das Wechselfieber, welches die zahllosen Gräben aushauchen.

In diesem Augenblicke hat die Huerta für den Ununterrichteten einen sonderbar traurigen Anstrich: fast vor jedem Hause sieht man – eine weiß behangene Todtenbahre stehen. Es sieht aber blos so aus; es sind die Gestelle für die eben auskriechenden Seidenräupchen.

In meinem nächsten Briefe, den Sie wahrscheinlich aus Granada erhalten werden, will ich Ihnen Einiges über spanisches Leben mittheilen.

[413]
VIII.[WS 2]
Ein spanisches Hôtel.
<tt<Ocaña.  

Gestern war ich frühzeitig aus dem ärmlichen aber von wissenschaftlichem Zauber umgebenen Flecken Porullena abgereist, um heute bei früher Tageszeit noch nach Almeria zu kommen. Der Weg führt lange Zeit in einem blos für den Forscher auf dem Gebiete der Erdgeschichte unterhaltenden und lehrreichen Terrain. Meine Tartana bewegte sich langsam zwischen großen und kleinen Rollsteinen des Fluthbettes eines vorweltlichen Diluvialstromes, welcher hier wie bei Guadix und Porullena ungeheure Schuttmassen zurückgelassen hatte. Zu meiner Rechten dehnte sich die Riesenkette der Sierra Nevada aus, zwischen deren einzelnen Gipfeln Regen- und Schneewetter unaufhörlich ihr Spiel trieben, ohne dabei zu mir in’s Thal herabzukommen. Es that meinem Auge wohl, auf den mittleren Höhen der prächtigen, bis 12,000 Fuß ansteigenden Sierra Bewaldung zu erblicken, woran im Allgemeinen das südöstliche Spanien so bittern Mangel leidet. Die linke Seite meiner Stromgasse bildete die malerische, vielgipfelige Sierra de Baza.

Die Pflanzenwelt zeigte sich auf diesem schuttigen, mageren Boden äußerst dürftig. Kümmerliche Weizenfelder und dann und wann am Rande des ehemaligen Stromes stehende Tamariskengebüsche, vergesellschaftet [414] mit Sanddorn und unserem deutschen Flieder, waren das einzige Grün. Käfer sammelnd und Eidechsen fangend, woran Spanien sehr reich ist, suchte ich mir die sonst für meine wissenschaftlichen Zwecke durchaus unergiebige Gegend wenigstens in etwas fruchtbar zu machen. Doch nach langer Fahrt in der öden breiten Rambla senkte sich endlich der Weg, entgegentretende Thonschieferfelsen durchbrechend, und nahm einen von der Sierra Nevada herkommenden schäumenden Gebirgsbach auf, den früher die Mauren in kühnen Bogen an den Felsen hineingeleitet hatten, von denen hier und da noch einige Ueberreste zu sehen waren. Nun kamen auch die Feigenbäume, Agaven und Granatbüsche wieder, und nachdem meine Tartana und meine Knochen

Die Gartenlaube (1853) b 414.jpg

Ein spanisches Hôtel.

eine glänzende Probe ihrer Haltbarkeit auf dem Wege, der oft lange Zeit mit dem Rinnsal des Gebirgsbaches eins und dasselbe war, abgelegt hatten, sah ich vor mir auf einem den Weg versperrenden Hügel einen Haufen ruinenartigen Gemäuers. Es war Ihrer Maj. Doña Isabel II. reyna de las Españas Städtlein Ocaña. Das Herz fiel mir vor die Füße, denn hier sollte und mußte ich ja Nachtquartier machen! Nachdem ich mich in den zwei oder drei gebirgigen Gäßchen des Ortes vergebens nach einem wenigstens einigermaßen verheißungsvollen Gebäude umgesehen hatte, hielt meine Tartana am andern Ende Ocaña’s vor dem Hôtel des Ortes. Meine erste Frage, ob un quarto con una cama (Zimmer mit Bett) zu haben sei, wurde von dem Mozo selbstgefällig mit „si Señor!“ bejaht; und nachdem ich mir den ungeheuerlichen, schwarzgeräucherten, von den Spinnen reich decorirten Raum, den ich Ihnen in einem schwachen Konterfei beilege, besehen hatte, bezog ich mit meinen Siebensachen mein quarto. Ich hätte den Hexenmeister sehen mögen, der die Treppe zu diesem Himmelreiche gefunden hätte! Sie lag verborgen hinter der Hausthüre in einem kleinen staubigen Winkel. Mein Bildchen zeigt Ihnen denselben. Ich trat in ein großes, einen Winkel bildendes Gemach, in welchem ich die zwei äußeren Wände entlang 24 Schritte machen konnte. Mit Bequemlichkeit sind darin 100 Menschen zu placiren. Trotzdem hat es nur ein einziges Fenster, oder vielmehr eine Fensterthüre, in deren jedem Flügel ein kleines Fenster, natürlich ohne Glas, ist. Das Parket wird von großen und kleinen unregelmäßigen Steinen gebildet, wie man sie auf reinlichen deutschen Bauerhöfen weit besser findet. Die Wände sind roh mit Kalk beworfen und nach der Erbauung des nicht mehr jugendlichen Hauses weiß angestrichen worden. Ich halte es wenigstens dafür.

Hunger hatte ich hier nicht und auch zu dem Bett kein sonderliches Zutrauen, obgleich nach der anstrengenden Tartanafahrt – meine Tartana steht im Vorgrunde meines Bildchens – mein Schlaf stets gut beschaffen zu sein pflegt.

Sie sehen, daß in dem großen Raume außer meiner Tartana noch eine vierrädrige Galera steht, deren [415] Vorderräder auffallend viel kleiner als die Hinterräder sind. Sie gehört Herrn Joaquin Barranco und geht mit Gütern und Passagieren, die sich möglichst gut vertragen müssen, in drei Tagereisen zwischen Granada und Almeria, in einem großen Bogen, hin und her. Es ist noch für manchen carro in dem großen Raume Platz und ehe es 10 Uhr geschlagen hatte, war auch mancher hinzugekommen. In dem Innern einer solchen Venta ist immer alles beisammen und unter einem Verschluß: Wagen, Pferde, Esel und beider Kinder, die Maulesel, Hunde, Fremde, Schweine, Ziegen, Hühner u. s. w. Links im Winkel brennt unter dem ungeheuern Rauchfange das ewige Feuer. Sonst kommt nur durch das Thor Licht herein, welches hier einem reisenden Siebmacher bei seiner Arbeit dient. Die schräge Decke ist die Innenseite des Daches. Zahlreiche Tragbalken sind anstatt mit Latten mit Rohr belegt, welches auswendig die plumpen Hohlziegel trägt. Der ganze Raum ist gepflastert.

Am andern Morgen mußte ich eingestehen, daß der Mozo von wegen der Chinches (Wanzen) nicht zu viel versichert hatte. Jedoch deswegen war ich immer noch nicht auf Rosen gebettet gewesen. Mein Bett hätte füglich denken sollen: mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Allein selbst mein geringes Körpergewicht brachte das leichte Gestell in eine schwankende Bewegung und ein Theil desselben fiel zu Boden, als ich mich diesem zerbrechlichen Fahrzeuge durch die dunklen Wellen der Nacht anvertraute. Glücklicherweise blieb er der einzige. Aber ein anderer Uebelstand belästigte mich so lange, bis der Ausgleicher der Stürme des Taglebens, der Schlaf, meinen Sinneswerkzeugen die bewußte Thätigkeit benahm. Unglücklicherweise fehlten an einigen Stellen der sechs Wände meines Schlafgemaches einige Steine, die übrigens von der spanischen Kunststraße leicht herbeizuschaffen gewesen sein würden. Gerade unter einer solchen Stelle mußte der offene Ort sein, den das feingebildete Deutschland in guter Gesellschaft nicht zu bezeichnen wagt, trotzdem, daß dieser Ort in Deutschland gegen einen solchen in Spanien das non plus ultra von Sauberkeit zu sein pflegt. Dieses Oertchen sendete durch das sehr überflüssige Mauerloch alle seine Düfte über meine schaukelnde Schlummerstätte.

Doch es wurde Alles glücklich überstanden; auch die 5 Realen (10 Ngr.), welche ich für dieses Vergnügen (blos für das Bett) bezahlen mußte. Dafür hätte ich bei den Herren Großberger und Kühl in Leipzigs Hôtel de Pologne ein ungepflastertes Zimmer und feststehendes Bett ohne Parfüm bekommen.



  1. Unsere Leser werden bereits aus den Zeitungen erfahren haben, daß der bekannte Naturforscher Prof. Roßmäßler mit englischem Gelde vor Kurzem im Interesse der Wissenschaft eine Reise nach Spanien angetreten hat, von der er wahrscheinlich erst nach 6 oder 8 Monaten zurückkehren wird. Es gereicht uns zum besonderen Vergnügen, heute unsern Freunden mittheilen zu können, daß Herr Professor Roßmäßler seine Reiseberichte in der Gartenlaube veröffentlichen wird. Daß diese Berichte nicht in wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern in frischen naturgetreuen Bildern und Schilderungen aus dem schönen Lande bestehen werden, bedarf wohl bei der populairen Tendenz unseres gemüthlichen Blättchens keiner Erwähnung.
    Die Red.      
  2. Den er auch cocha nennt. Das ch wird stets wie tzsch sehr scharf ausgesprochen.
  3. In beiden Namen lautet das j wie ein raues ch, hinten im Gaumen ausgesprochen; Coj also Koch; la Grangcha.
  4. Der Buchstabe ñ, den der Spanier, deutsch ausgesprochen, énnie nennt, hat man nni auszusprechen: Malaguénnia. Das i ist sehr kurz und klingt etwas wie unser j.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: „II.“
  2. Vorlage: „VII.“