Spohr (Gartenlaube 1861)

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Textdaten
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Autor: Anonymus
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Titel: Spohr
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 91–92
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Spohr.

Wie die hohe, edle, imposante Gestalt in ihrer plastischen Ruhe hier abconterfeit ist, so stand der große Meister – man braucht sich nur das Hauskäpplein wegzudenken – in seinen Concerten vor dem Publicum. Tausende und Abertausende hat er durch den wunderbaren Zauber seines Geigenspiels und seiner gediegen schönen Compositionen aus der gemeinen Wirklichkeit in eine ideale Welt erhoben, Geistern und Herzen die entzückendsten Stunden bereitet. – Wir theilen einige Notizen über ihn aus seiner vor Kurzem erschienenen Selbstbiographie mit, der wir den weitesten Leserkreis wünschen, da sie sich nicht allein reizend gleich einem guten Roman liest, sondern viel reiche Belehrung über Kunst und Künstlerthum gewährt.

Spohr wurde am 5. April 1784 zu Braunschweig geboren, wo sein Vater als Arzt prakticirte. Die Familie zog nach zwei Jahren nach Seesen. Vater und Mutter waren musikalisch. Da sie sehr oft des Abends musicirten, so wurde der Sinn und die Liebe zur Tonkunst schon früh in dem Knäblein geweckt. Es wurde ihm auf einem Jahrmarkt eine kleine Geige gekauft, und damit war die Richtung seines Lebens entschieden. Der Vater hatte ihn eigentlich zum Studium der Medicin bestimmt, gab aber der Neigung des Sohnes zur Musik nach, ließ ihm Unterricht auf der Violine geben, so gut er in Seesen zu haben war, und schickte ihn nach der Confirmation nach Braunschweig, wo er bessere Lehrer fand. Er machte reißende Fortschritte, und so sendete ihn der Vater im Alter von vierzehn Jahren allein nach Hamburg, um sein Brod als Virtuos selbst zu verdienen. Der Alte hatte sich in der Jugend kühn durch die Welt schlagen müssen und glaubte, das müsse jeder junge und kräftige Mensch auch können. Die Sache mißlang; der Knabe kam nicht zum Spiel und mußte, da das Reisegeld auf die Neige ging, zu Fuße nach der Heimath wandern. In Braunschweig angekommen, richtete er eine Bittschrift an den Herzog um Unterstützung seiner weiteren musikalischen Studien. Sie wurde gnädig aufgenommen, er durfte sich vor dem Hofe produciren und wurde hierauf in die Kapelle aufgenommen. Im Jahr 1802 machte er als Schüler des berühmten Violinspielers Eck mit diesem die Reise nach Petersburg. Seine erste größere Kunstreise durch Deutschland fällt in das Jahr 1804. Was er als Virtuos und Componist bereits zu dieser Zeit, in seinem zwanzigsten Jahre gewesen, davon giebt die Anzeige des Auftretens in Leipzig durch die dortige Allg. musikal. Zeitung ein überraschendes Zeugniß. Rochlitz schreibt: „Herr Spohr gab am 10. December 1804 zu Leipzig ein Concert und auf Aufforderung Vieler am 17. ein zweites; in beiden aber gewährte er uns einen so begeisternden Genuß, als außer Rode kein Violinist uns gewährt hatte, so weit wir zurückdenken können. Herr Spohr gehört ohne allen Zweifel unter die vorzüglichsten jetzt lebenden Violinspieler, und man würde über das, was er, besonders noch in so jungen Jahren, leistet, erstaunen, wenn man vor Entzücken zum kalten Erstaunen kommen könnte. Seine Concerte gehören zu den schönsten, die nur vorhanden sind, und besonders wissen wir dem aus D moll durchaus kein Violinconcert vorzuziehen, sowohl in Hinsicht auf Erfindung, Seele und Reiz, als auch in Hinsicht auf Strenge und Gründlichkeit“ etc. Weiterhin heißt es: „Herr Spohr kann Alles! Was vorerst Richtigkeit des Spiels in weitester Bedeutung heißt, ist hier, gleichsam als sicheres Fundament, nur vorausgesetzt; vollkommene Reinheit, Sicherheit, Präcision, die ausgezeichnetste Fertigkeit, alle Arten des Bogenstrichs, alle Verschiedenheiten des Geigentons, die ungezwungenste Leichtigkeit in der Handhabung von diesem Allen, selbst bei den größten Schwierigkeiten – das macht ihn zu einem der geschicktesten Virtuosen. Aber die Seele, die er seinem Spiele einhaucht, der Flug der Phantasie, das Feuer, die Zartheit, die Innigkeit des Gefühls, der feine Geschmack, und nun seine Einsicht in den Geist der verschiedensten Compositionen und seine Kunst, jede in diesem ihren Geiste darzustellen, das macht ihn zum wahren Künstler.“

Wir haben den kleinen Artikel vollständig wiedergegeben, weil er in prägnantester Kürze alle Vorzüge Spohr’s als Virtuos und Componist auf’s Treffendste schildert, und weil diese wenigen Zeilen zugleich den glücklichsten Einfluß auf des Künstlers ganze künftige Laufbahn ausübten. Denn mit diesem Urtheil, von einer Stadt ausgehend, die damals mit vollem Recht unter die ersten Autoritäten in Sachen der Kunst zählte, war der Ruf des bis dahin fast noch ganz unbekannten jungen Mannes plötzlich weithin verbreitet worben. Von diesem Augenblick an war Spohr anstatt ein demüthig um Gehör sollicitirender überall ein mit Spannung erwarteter, ja oft schon im Voraus aufgeforderter Concertgeber, dem überall Auditorien und reiche Einnahmen nicht mehr fehlen konnten.

Die Folgen davon äußerten sich nun auch in anderen Beziehungen. Schon 1805 erhielt er die Stelle des Herzogl. Concertmeisters zu Gotha. Spaßig ist, wie er dort die erste Bekanntschaft mit seiner nachherigen Gattin machte. In einem Concerte, welches er in der Stadt gab, saßen in der ersten Zuhörerreihe zwei junge Mädchen, wovon das eine bei Spohr’s Auftreten, erstaunt über seine lange und schlanke Gestalt, wohl lauter als sie wollte, ausrief: „Siehe doch, Dorette, welch eine lange Hopfenstange!“ Diese Dorette war eine bedeutende Virtuosin auf Harfe und Pianoforte und die Tochter der Gothaischen Hofsängerin Scheidler. Bei einem Besuche, den der junge Concertmeister der Mutter machte, erröthete Dorette in der Errinnernng an jene Aeußerung ihrer Frenndin, und – die künftige Verbindung war eingeleitet. Dorette wurde Spohr’s Gattin. Er schrieb mehrere herrliche Stücke für Harfe und Violine, mit welchen das Künstlerpaar auf seinen vielen Kunstreisen durch Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, England und Italien überall enthusiastischen Beifall erntete. Zwischen diese Reisen fallen zeitweilige Anstellungen Spohr’s als Kapellmeister in Wien und Frankfurt a M. Dann privatisirie er ein Jahr in Dresden, worauf er eine lebenslängliche Anstellung als Kapellmeister in Cassel annahm.

Dies war der Virtuose Spohr. Ebenso früh aber wie das virtuose hatte sich in Spohr das schaffende Talent geregt, und mit demselben Eifer und außerordentlichem Fleiße wie jenes hatte er auch dieses ausgebildet -– im Ganzen mit gleichem Glück und Erfolg. Er schuf eine Menge Duette, Quartette, Quintette etc., [92] welche sich würdig an die Seite der Haydn’schen, Mozart’schen und Beethoven’schen anreihten und die Freunde der Kammermusik beglückten. Ebenso vermehrte er das Repertoire der Concertanstalten durch echt schöne, gediegene und originelle Symphonien. Weniger glücklich war er mit seinen ersten Oratorien und Opern, da ihm zu ersteren die tieferen contrapunktischen Studien, zu letzteren die genauere Kenntniß der Singstimme abgingen. Aber mit eisernem Fleiße holte er das Fehlende nach, und bald kamen auch auf diesen Gebieten echte Meisterwerke von ihm zum Vorschein, wie u. A. das Oratorium „die letzten Dinge“ und die Opern „Faust“, „Zemire und Azor“ und „Jessonda“ bezeugen. Der Charakter seiner Werke spricht sich aus durch Schönheit, Gediegenheit, Klarheit, tiefen Seelenausdruck und Adel des Styls.

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Spohr im Jahre 1838.

Als Dirigent war Spohr ebenfalls höchst tüchtig. Nicht allein stand er fest und sicher vor seiner gewohnten Kapelle, er wußte sich auch bei jedem fremden Orchester, und selbst bei jenen aus den verschiedensten und oft heterogensten Elementen zusammengesetzten Massen, wie sie die großen Musikfeste zusammenführten, gleich das Vertrauen auf seine sichere Führung zu erwerben, und überall die befriedigendsten Erfolge dadurch zu gewinnen. Nicht minder ausgezeichnet hat er sich als Lehrer erwiesen, daher die Schüler ihn, von allen Seiten zuströmten; die bedeutendsten Violinvirtuosen nach ihm sind a. seiner Schule hervorgegangen. Endlich darf man ihm auch als Schriftsteller eine nicht gewöhnliche Begabung und Ausbildung zugestehen; die Beweise dafür geben seine in der Allgem. musik. Zeitung gelieferten Briefe und Berichte aus Paris und Rom, so wie seine Selbstbiographie. So vielseitig war seine Begabung, deren glänzende Ausbildung nur durch einen unerhörten Fleiß möglich war; allerdings wurde er darin durch einen äußerst kräftigen und stets gesunden Körper unterstützt, den er sich durch unausgesetzte Leibesübungen und ein mäßiges Leben zu erhalten wußte.

Zu den schönen Eigenschaften des Künstlers gesellten sich alle Tugenden des Menschen. Spohr war im vollsten Sinn des Worts ein edler, sittlicher Charakter, und der Lohn dafür – eine zufriedene Existenz. Genie ohne Sittlichkeit kann wohl großen Ruhm, aber niemals innere Zufriedenheit verschaffen.

Ganz ohne irdisches Leid das Leben zu durchwandeln, ist indessen keinem Sterblichen beschieden. Auch Spohr trafen einige harte Schicksalsschläge. 1834 wurde ihm seine Gattin durch den Tod entrissen; und als er später durch eine zweite Heirath sein häusliches Gluck hergestellt zu haben glaubte, starb ihm seine Tochter Therese, ein neunzehnjähriges blühendes Mädchen. In solchen schweren Zeiten suchte er, wie Goethe, die schmerzlichen Eindrücke durch vermehrte geistige Thätigkeit zu überwinden. Manche Unannehmlichkeiten scheint ihm auch seine politische Gesinnung herbeigerufen zu haben. „Wie allen hohen edlen Seelen“ – heißt es in der Vorrede zu seiner Biographie – „war ihm die Unredlichkeit, das Abweichen vom Gesetzmäßigen in den Tod zuwider. Seine bekannte Hinneigung zur liberalen Seite, die ihm wohl von oben her zum Vorwurfe gemacht ist, war eine natürliche Folge davon. So haßte er unverhohlen die Willkür, den Druck, die Verfolgung und suchte ihnen um der guten Sache willen überall nach Kräften entgegen zu treten, ja er sprach sich wenigstens, wenn er nicht dagegen ankämpfen konnte, ohne Scheu und im Innersten entrüstet darüber aus.“ Da mochte es denn auch wohl Niemand in Cassel überraschen, als er im November 1857 plötzlich gegen seinen Wunsch pensionirt wurde und zwar mit einer geringeren Summe als der, an welche er hätte Anspruch machen können.

Das letzte Jahr seines Lebens verbrachte er in einer traurigen körperlichen und geistigen Lethargie, in welche ihn Altersschwäche, vor Allem aber die Folge eines Armbruches 1857 versetzt hatten, und aus welcher er sich nur für Augenblicke erheben konnte. Er wünschte daher seinen Hingang sehnlich herbei, und als das Stündlein kam – am 23. October 1859 – ist er mit dem Ausdrucke der größten Zufriedenheit in seinen schönen, edlen Zügen entschlafen.

Spohr wird in der Musikgeschichte fortleben als Muster eines echten großen Künstlers und edlen Menschen. Er hat in seinem ganzen Leben keine einzige gemeine Notenzeile hingeschrieben und keine einzige gemeine Handlung begangen.